(13.01.2015) In meinem Netzwerk Texttreff gibt es den Brauch, in der Adventszeit Blogartikel zu wichteln. So habe ich für den Blog „Bonscheladen“ in meine Bonbonkindheit geschaut und Stefanie Möller hat für meinen Blog ermittelt, was Kinder wirklich lesen wollen. Ein wunderschöner Beitrag, finde ich, mit einem tollen Interview mit der achtjährigen Zita Möller über Lesen, Bücher und andere Medien. Vielen Dank Stefanie und Zita, der ich als Dankeschön gleich mal eines meiner letzten Exemplare vom „Magischen Vampir“ schicke.

Was Kinder wirklich (lesen) wollen

Ich finde, wir lesen zu wenig. Wir sind Mama, Papa und zwei Kinder im Alter von acht und dreizehn Jahren. Sie fragen gefühlte neun Mal am Tag „Was soll ich machen?“ und bekommen von mir gefühlte zwölf Mal die Antwort „Lies ein Buch.“.

Würde das funktionieren, wäre es einfach für mich. Meist ist diese Empfehlung aber keine Lösung für unsere Kinder. Dabei kommt nicht immer der Fernseher dazwischen, sondern meistens die Laune. Wenn Kindern nach Spielen, Toben oder Faulenzen ist, kann ein Buch noch so spannend sein, es wird auf später verschoben.

Interview mit einer Lese-Einsteigerin

Um mehr darüber zu erfahren, was sie denn wirklich lesen will, habe ich unsere achtjährige Tochter gefragt:

Zita, liest du eigentlich gern Bücher?
Ja, ich lese gern Bücher. Warum fragst Du das, Mama?

Weil ich eine Geschichte schreiben muss für eine Frau, die Bücher schreibt.
Wow, kriege ich ein’s? Kann sie mir eine Geschichte schreiben, von den magischen Tieren bitte?

Aber die magischen Tiere hast Du doch als Hörbuch?
Darum wünsche ich sie mir ja als Buch.

Was ist denn so toll an einem Buch?
Das kann man halt lesen, ist spannend und es gibt mehrere Teil davon. Von den CDs gibt es nur drei. Ich meine jetzt z.B. die magischen Tiere.

Ist es denn nicht anstrengend, ein Buch zu lesen?
Schon, aber es macht halt Spaß.

Welches Buch hat Dir denn zuletzt besonders gut gefallen?
Sternenschweif.

Und was war toll daran?
Ja, also das Turnier am Ende des Buches, bei dem Sternenschweif und Prinz die Reiter getauscht haben. Die (Reiter) mussten dann das Vertrauen des anderen Pferds gewinnen. Und wem das am besten gelungen ist, der hat dann halt den ersten Platz gemacht. Das ist wie ein Geschicklichkeitsturnier, Mama.

Und wenn Du das mit Handy spielen vergleichst?
Das ist schlechter. Irgendwann wird es langweilig. Und im Buch kann man jahrelang lesen. Es wird nie langweilig.

Und Fernsehen gucken?
Auch langweiliger, finde ich.

Das machst Du manchmal aber ganz gern.
Ja, manchmal, aber nicht immer. Wenn ich ein spannendes Buch lese, liebe ich das Lesen. Manche Bücher sind aber nur am Anfang spannend und später nicht mehr. – Meine Freundin hat sich in der Schule „Die Kinder aus Bullerbü“ ausgeliehen, weil ich ihr erzählt habe, dass die Geschichten schön sind. Sie fand sie aber überhaupt nicht schön.

Wie lest Ihr denn in der Schule?
Wir gehen in die Bücherei. Dort schauen wir uns erst die Bücher an, bevor wir sie und ausleihen. Und wir können sie ein bisschen lesen. Das machen wir so einmal im Monat. (Schweigen.) Mama, können wir einen Tausch machen: Sie schreibt mir ein Buch von den magischen Tieren und ich stricke ihr einen Schal?

Das geht leider nicht, Zita. Birgit Ebbert hat die magischen Tiere nicht geschrieben. Das Buch hat eine andere Autorin geschrieben.
Was hat sie denn geschrieben?

Sie hat zum Beispiel „Ben gefangen im Watt geschrieben“. Das ist eine Geschichte über einen kleinen Jungen, den die Flut überrascht.
Hört sich spannend an. Kann ich das lesen?

Ja natürlich, das kannst Du.

So ist das also mit dem Lesen. Für Kinder ist das offensichtlich alles ganz einfach und völlig logisch.  Nehme ich alle meine Familien-Erfahrungen in Sachen Lesen zusammen, so gibt es doch einige Erfolgsfaktoren, die Kinder zum Lesen motivieren:

  • Die Figuren  Meine Kinder sind fasziniert von den ungewöhnlichsten Figuren. Oft von denen, die mich selbst am wenigsten ansprechen. So werden aus einem Zufallskauf im Buchladen ganz überraschend Lieblingsbücher mit Figuren, die sie nicht mehr loslassen und von denen sie immer mehr lesen möchten.  Von ihren Lieblingen bekommen sie nicht genug. Sie verfolgen sie Seite für Seite durch eines oder eine ganze Reihe von Büchern und erleben mit ihnen immer neue Abenteuer. Familienerlebnisse und -schicksale werden im Buch so lebendig, dass sie in den eigenen Familienalltag ausstrahlen, Plüschtiere oder lebende Haustiere die gleichen Namen bekommen, Geschichten ausprobiert oder mit Playmobil nachgespielt werden.
  • Die Magie  Je magischer eine Geschichte, desto besser gelingt es, meine Kinder zu begeistern. Es gibt Bücher, die sie ganz in ihren Bann ziehen. Dann sind Handy und Fernseher abgemeldet und die Geschichte fesselt sie bis zur letzten Seite. Es gibt andere Bücher, bei denen die Faszination nicht das ganze Buch lang trägt. Daran können wir gemeinsam üben und lernen, dass sich Durchhalten lohnt und auch eine lange Geschichte ein spannendes Ende haben kann. Und vielleicht wartet danach eine neue magische Geschichte auf uns.
    Ein bisschen Magie muss dabei nicht gleich in Fantasy- oder Grusel-Geschichten ausufern. Häufig sind genau die Geschichten besonders faszinierend, die ganz nah am Alltag der Kinder sind, aber eine ungewöhnliche, spannende und besonders fantasievolle Facette haben.
  • Die Zeit  Jede Generation hat ihre Geschichten. Meine geliebten Winnetou-Bände interessieren unsere Kinder genauso wenig wie die Lieblingsbücher der Oma. Es gelingt einfach nicht, sie dafür zu begeistern.  Und wenn ich ehrlich bin, wird mir jetzt auch klar, dass die Geschichten und die Sprache der 70er- und 80er-Jahre nicht zu den Kindern im Jahr 2015 passen. Dort wo ich meine Kunden davon überzeugen möchte, dass Sprache sich verändert und aktuell sein muss, um gelesen zu werden, will ich meine Kinder für Karl May begeistern? Das kann ja nicht funktionieren. Unsere Kinder wünschen sich Bücher, die zu ihrem Leben passen. In einer Sprache, die sie selbst kennen, lernen und sprechen und mit Geschichten, in die sie sich sprachlich und persönlich einfühlen können.
  • Das Vorbild  Es passiert selten, dass ich lese und dank dieses erhofften Vorbilds auch meine Kinder das Buch dem Computer, Handy oder Tablet vorziehen. Hinzu kommt, dass Lesen auf dem Tablet von ihnen fast immer als Arbeiten oder Surfen verstanden wird. Ich gebe allerdings zu, dass ich bei ihnen demselben Missverständnis aufsitze.
    Wichtiger und zum Glück auch wirksamer als das permanent lesende Vorbild zu geben ist es, Anregungen zum Lesen zu geben, zum Lesen zu motivieren und Kinder für Geschichten zu begeistern. Das funktioniert nicht immer in eine Richtung, sondern auch mal andersherum, also vom Hörbuch zum Buch oder vom Buch zum Theaterstück. Die Geschichten gewinnen die Kinder für sich und machen sie neugierig auf mehr. Und das ist ein Gewinn, den ich mir schöner gar nicht vorstellen kann.

Es ist also doch ganz einfach und bei Kindern gar nicht so anders, als bei Erwachsenen. Lesen ist wunderbar, es muss nur das Richtige sein. © 2015 Stefanie Möller

Stefanie Möller ist PR-Beraterin und lebt mit ihrer Familie in Löhne/Ostwestfalen-Lippe. Mit ihrem Unternehmen Faktwerk berät sie Unternehmen und Unternehmer in Sachen Public Relations vom Konzept bis zur gezielten Umsetzung der Maßnahmen in Bild und Text.

Foto: Stefanie Möller