(08.01.2014) Ich erinnere mich gut daran, wie vor gut 25 Jahren die Erfolgsstory von „Starlight Express“ begann, weil viele meiner Freunde und Bekannten aus Borken begeistert von dem Musical schwärmten. Ich hingegen wohnte in Stuttgart, weit weg von Bochum und träumte aus der Ferne von einem Musical mit Sängern und Tänzern auf Rollschuhen. Auf Rollschuhen! Nicht auf diesen modernen Inlineskatern, nein auf Rollschuhen – etwas luxuriöser zwar als die, mit denen ich als Teenager acht Kilometer in den Nachbarort gelaufen bin, aber Rollschuhe.

Als ich Ende 1997 nach Bochum zog, hatte ich fest vor, endlich „Starlight Express“ zu besuchen. Leider habe ich es in zehn Jahren nicht geschafft, das Musical zu besuchen, ich wage es kaum zu sagen. Zwar bin ich gelegentlich an dem Theater vorbeigefahren, das ins Guinness-Buch der Rekorde einging, weil es das erste Theater war, das speziell für ein Stück gebaut wurde. Aber zu den 14,5 Millionen Besuchern, die das Musical in seiner 25-jährigen Existenz in Bochum erlebt haben, gehörte ich nicht. Gehörte!

Gestern habe ich es tatsächlich geschafft. Ich wagte in den letzten Jahren kaum die Zeitung zu lesen, weil ich täglich erwartet habe, dass das Musical eingestellt wird. Bei 1.700 Besucherplätzen und mindestens sieben Aufführungen in der Woche muss doch irgendwann jeder eine Aufführung gesehen haben. Es gibt noch welche, die nicht dort waren, habe ich mir sagen lassen, als ich von meinen Plänen berichtete.

Schon vor der Halle wurden wir von einer heimelig beleuchteten Lokomotive begrüßt und auf das Thema eingestimmt: Die Weltmeisterschaft der Züge verbunden mit einer Liebesgeschichte. Die Geschichte darauf zu reduzieren, wäre jedoch zu wenig, erzählt sie doch auch vom Kampf zwischen Gestern und Heute und vom Ringen um sich selbst und den Glauben an die eigene Kraft. Mir war die Liebesgeschichte etwas zu schmalzig, das gebe ich zu, aber sie geriet – bei mir zumindest – schnell zum Nebenschauplatz, weil mich die Technik und Machart faszinierten. Und natürlich die Rollschuhfahrer, die zwischen den Zuschauern hindurchrasten, als sei das ein Kinderspiel, und dabei noch sangen, sich an die Kollegen hängten und wieder lösten, gemeinsam tanzten – Hut ab! Ok, nicht jeder Song, den sie darboten, entsprach meinem Musikgeschmack. Ich mag es, wenn die Songtexte eine Botschaft vermitteln – deshalb schreibe ich auch am liebsten „Geschichten mit Info-Tüpfelchen“. Deshalb waren meine Lieblingssongs das Titellied „Starlight Express“, das Mut macht, an seine eigenen Kräfte und Visionen zu glauben, und „Licht am Ende des Tunnels“, das daran erinnert, dass es auch in der Dunkelheit Hoffnung auf ein Ende und einen Lichtstrahl gibt. Daneben gab es viele kleine Momente, die mir gefallen haben, vor allem die Lichttechnik, die immer für neue Effekte sorgte und in die Kulisse immer neue Stimmungen zauberte. Mein Fazit nach der Aufführung: Das muss man gesehen haben, weil die Aufführung durch die spezielle Bühne und die Darsteller auf Rollen etwas Besonderes ist.

Nun wäre ich nicht ich, wenn ich nicht vor dem Besuch der Aufführung ein wenig recherchiert hätte. Darüber war ich froh, weil ich auf diese Weise die Leistung der Künstler noch mehr gewürdigt habe. Wenn man sich vorstellt, dass die Tänzer und Sänger vor ihrem ersten Auftritt ein dreimonatiges Training absolvieren müssen, um den körperlichen Einsatz während der Aufführung zu bewältigen. Immerhin müssen sie sich in Kostümen, die bis zu 18 Kilogramm schwer sind, auf Rollschuhen bewegen – mit einer Geschwindigkeit, die 60 Stundenkilometer betragen kann. Mir wird schon bei der Vorstellung schwindelig, ich habe als Kind in Spitzenzeiten vielleicht fünf oder acht Stundenkilometer geschafft – mit Unterschnallrollschuhen allerdings. Hätte ich so moderne Rollschuhe gehabt wie die Starlight-Tänzer, wäre ich vielleicht auf zehn gekommen. Eine spezielle Rollschuhabteilung kümmert sich um die Rollschuhe, deren 146 Teile gewartet, gepflegt und im Pannenfall rasch ersetzt werden müssen. Meine Mutter hätte sich bedankt für diesen Aufwand.

Das Musical Starlight Express mit der Musik von Andrew Lloyd Webber und Texten von Richard Stilgoe (deutsche Übersetzung von Sabine Grohmann) geht auf zwei Kinderbücher zurück. Zum einen auf „The Railway Series“ von Wilbert Vere Awdry, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Thomas, die kleine Lokomotive“. Die erste Geschichte erschien 1945. Damals war die zweite Geschichte, die für das Musical Pate stand, bereits über zwanzig Jahre alt: The Little Engine that Could“ von Witty Piper, 1920 in einer Geschichtensammlung erschienen. Kein Wunder also, dass das Musical vor allem auch Familien anzieht, die sich von der Personifikation der Eisenbahnen und natürlich der Technik, der Musik und dem Tempo faszinieren lassen und zum Teil immer wieder kommen. © Birgit Ebbert