(04.01.2014) Seit 2001 gilt der 4. Januar als Welttag der Brailleschrift, einem Schriftprinzip, das Blinden seit bald 200 Jahren erlaubt, schriftlich mit anderen zu kommunizieren. Benannt wurde die Schrift, in der Buchstaben in ein System aus erhabenen Punkten dargestellt werden, nach Louis Braille. Er gilt als Erfinder der Blindenschrift, auch wenn er sie nicht allein konzipiert hat.

Ich war zehn Jahre alt, als mir diese Schrift zum ersten Mal begegnete. Wir verbrachten einen Teil der Sommerferien in Karlsruhe dem Haus eines Onkels, der aufgrund einer Kriegsverletzung erblindet war. Jeden Sommer verbrachte er einige Wochen auf Borkum, manchmal hüteten wir in dieser Zeit sein Haus und machten dort Urlaub. Die Haushälterin schärfte uns ein, dass wir unbedingt jeden Gegenstand an den richtigen Platz zurückstellen mussten. Mir fielen sofort diese merkwürdigen Zettel auf, die an den Regalbrettern der Geschirrschränke angebracht waren. Und natürlich musste ich in den Bücherregalen stöbern und entdeckte so auch die dicken Bücher. Ich sehe sie noch vor mir, ca. 5 bis 10 cm dick im DIN A4-Format! Zu gerne hätte ich gewusst, wie man diese Bücher lesen kann. Mithilfe der Zettel aus dem Geschirrschrank habe ich versucht, das System zu entschlüsseln. Erfolglos.

Als wir drei Jahre später wieder unsere Ferien in dem Haus verbrachten, kam mir der Zufall zu Hilfe. Bei einem Einkaufsbummel kaufte ich mir das Kinderbuch „Der verschwundene Talisman: Stellas großes Geheimnis“ von Phyllis A. Whitney. (Eines meiner ersten Bücher vom „Grabbeltisch“, der mir noch heute so manche Buchüberraschung beschert.) Zunächst fesselte mich nur die spannende Geschichte in dem Buch, dann tauchte mittendrin, auf Seite 82, um genau zu sein, plötzlich das Braille-Alphabet auf. Hier hat mir meine Erinnerung einen Streich gespielt, ich dachte, das Alphabet befände sich als Anhang auf der letzten Seite, deshalb fand ich das Buch nicht sofort, als ich das Regal mit den Büchern aus meiner Kindheit durchforstete. Die Übersicht war mitten in der Geschichte und es handelte sich nicht um ein „Problem-Buch“ über ein blindes Mädchen, sondern um eine Abenteuergeschichte, in der eben ein blindes Mädchen vorkam.

An die Geschichte erinnere ich mich nicht im Detail. Aber ich wusste noch genau, wie das Buch aussah und dass in dem Buch die „Übersetzung“ der Braille-Schrift vorkam. Mithilfe des Buches habe ich mich durch die dicken Braille-Wälzer gekämpft. Ich weiß nicht mehr, was ich gelesen habe, ob es ein Konsalik oder ein Fachbuch war. Doch das ist auch nicht wichtig, seither weiß ich, was die Brailleschrift ist und als Schülerin habe ich sie manchmal als Geheimschrift verwendet, indem ich die erhabenen Punkte einfach durch gemalte Punkten ersetzt habe.

Oh, im Schrank des Onkels gab es auch eine Braille-Schreibmaschine. Die auszuprobieren, habe ich mich allerdings nicht getraut.

Warum heißen diese Gedenktage eigentlich nicht „Erinnerungstage“ oder „Denktage“? Mir hat der Tag jedenfalls eine schöne Erinnerung geschenkt, nicht nur das, auch die Bestätigung, dass Kinder gerne und viel lernen, wenn man sie lernen lässt und die „Bekanntschaft“ mit der Autorin Phyllis A. Whitney, die 104 Jahre alt wurde und deren letztes Buch erschien, als sie 93 Jahre alt war. Ein kleiner Trost für die Autorenkollegen: Auch sie konnte lange nicht ausschließlich vom Schreiben leben, sondern arbeitete als Tanzlehrerin, Buchhändlerin, Bibliothekarin, Redakteurin und Dozentin – das kommt uns doch bekannt vor, oder? Ich bereite dann mal den nächsten Workshop vor, ein Konzept für eine Schreibprojekt soll ich auch noch schreiben … © Birgit Ebbert