(13.09.2018) Vom kommenden Sonntag bis zum 17. Februar ist die zweite Etage des Emil-Schumacher-Museums dem Künstler Gerhard Hoehme gewidmet. Er wirkte zur gleichen Zeit wie Emil Schumacher und gilt als einer der bedeutenden Maler des Informel. Für alle, die keine Zeit haben, den ganzen Beitrag zu lesen 🙂 – mein Fazit ist: Die Ausstellung muss an sich anschauen. Warum, das erkläre ich gleich, mir hat sie so gut gefallen, dass ich auf jeden Fall unbedingt am Sonntag um 11.30 Uhr bei der Eröffnung dabei sein will.

Epiphanie des Informel

Der Titel der Ausstellung, „Epiphanie des Informel“, stammt von einem Bild, das in der Ausstellung zu sehen ist und das wie eine Klammer zwischen den verschiedenen Aspekten und Entwicklungen im Werk des Künstlers wirkt. Ich gebe zu, ich kannte den Künstler bisher nicht, zumindest habe ich mir den Namen nicht bewusst gemerkt. Das wird sich jetzt ändern, weil ich fasziniert bin von der Vielfalt der Bilder, die doch auch irgendwie einen roten Faden beinhalten. Rouven Lotz berichtete beim Pressegespräch, dass Gerhard Hoehme eigentlich eher mit düsteren „Borkenbildern“ in Verbindung gebracht wird. Diese Dunkelheit habe ich in den Bildern, die in der Ausstellung zu sehen sind, nicht wahrgenommen. Mir stachen als erstes die Strukturen ins Auge, weil ich Strukturen liebe, dann fielen mir die Kabel oder Kunststoffröhrchen auf, die aus manchen Bildern ragten, und schließlich bin ich – man ahnt es 🙂 – bei der Schrift hängen geblieben. Einerseits ist das ein Bild mit Buchstaben, deren Reihenfolge keinen Sinn ergibt, andererseits sind da Texte im Bild verwoben, die der Betrachter lesen und entschlüsseln soll. Dafür sollte man bei der Eröffnung Zeit mitbringen 🙂 Sowohl das Bild „Brief an einen jungen Künstler“ als auch der „Berliner Brief“ laden zum Lesen und Nachdenken ein. Ich finde den „Berliner Brief“ aus dem Jahr 1966 besonders spannend, weil er Worte und Slogans aus dem deutschen Osten und Westen fünf Jahre nach dem Bau der Mauer gegenüberstellt. Während der „Brief an einen jungen Künstler“ auf den ersten Blick an ein Werk von Merz erinnert, fällt einem beim „Berliner Brief“ eine der „Bierzeitungen“ ein, die in den 70er Jahren aus Zeitungs- und Zeitschiften zusammengeschnipselt wurden. Eine weitere Technik, die man in Bastelbüchern der 60er-Jahre findet, ist Basis des Objekts „Gewitterkasten“, die Blitze wurden mit Fäden gespannt, die um Nägel gewickelt wurden. Faszinierend auch hier, dass sich die Linien, die durch die Blitze simuliert werden, in früheren Werken als Malerei finden. Den Kern des Werkes von Gerhard Hoehme bildet die Malerei, aber er verbindet sie mit anderen Techniken, um sich von dem ebenen Bild zu lösen und in den Raum zu arbeiten. Anfangs waren das Farbsplitter, die mit der Spachtel aus dem Bild gelöst und wieder aufgeklebt wurden. Auch wurden Papier- oder Leinwandstücke genutzt, um einen 3-D-Effekt zu erzielen. Später kamen Nägel, Faden, Schläuche und Steine oder Plastillin-Masse hinzu, um diesen Eindruck zu erzielen.

Vielfalt der Materialien

Genau, Gerhard Hoehme arbeitet in seine Bilder unter anderem Papier ein und das ist mein Thema. Deshalb war ich auch fasziniert von den Bildern, die aus einem Schnittmuster entstanden ist. – Wisst ihr noch, wie man mit einem Schnittmuster umgeht? Ich habe es in einem Nähkurs (sic!) 1980 so gelernt, dass man das Schnittmuster mit einem Blatt Papier darunter auf eine weiche Unterlage legt und die Konturen des Schnitteils „ausradelt“. Das Blatt Papier wird dann an der Radelstelle ausgeschnitten. Wenn ihr an Schnittmuster denkt, fallen euch da nicht auch gleich die verschieden gestrichelten Linien ein? Diese haben große Ähnlichkeit mit den Symbolstreifen, die überall im Werk Hoehmes auftauchen. Spannend sind übrigens auch die Bilder mit den Nylonschläuchen, aber schaut euch die Ausstellung am besten selbst an. Ich könnte stundenlang weiterphilosophieren. Vielleicht am Sonntag, bei der Eröffnung der Ausstellung

Über Gerhard Hoehme

Gerhard Hoehme war acht Jahre jünger als Emil Schumacher, er wurde 1920 in der Nähe von Bitterfeld, in Ostdeutschland, geboren und war 13 Jahre alt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und 19 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Das heißt, er musste aktiv am Kriegsgeschehen teilnehmen. Nach sechs Jahren als Jagdflieger und zwei Jahren amerikanischer Kriegsgefangenschaft kehrte Gerhard Hoehme mit 28 Jahren in den Friedensalltag zurück. 1948 begann Hoehme ein Studium bei dem Graphiker und Schriftkünstler Herbert Post und erste informelle Bilder entstanden. 1951 siedelte er nach Düsseldorf über und begann dort ein Studium an der Kunstakademie. Hier knüpfte er auch erste Kontakte in die Kunstszene, die ihn nach Paris führten. 1954 hatte er dort seine erste Einzelausstellung und im gleichen Jahr bekam er den 1. Förderpreis des Landes NRW. Nach verschiedenen kleinen Erfolgen bescherte ihm ds Jahr 1959 die Teilnahme an der documenta II in Kassel und 1960 ein Stipendiat in der Villa Massimo in Rom sowie einen Lehrstuhl an der Kunstakademie Düsseldorf, den fast bis 1984 innehatte. Ab 1984 besetzte er die Paul-Klee-Professur für Bildende Künste an der Universität Gießen und in dem Jahr wurde er auch Mitglied der Akademie der Künste, West-Berlin. Gerharad Hoehme starb am 29. Juni 1989, neun Jahre später wurde die Gerhard- und Margarete-Hoehme-Stiftung gegründet, die bis heute seinen Nachlass verwaltet. Die letzte große Retrospektive wurde 2009 in Düsseldorf und Duisburg gezeigt. © Birgit Ebbert