(11.01.2015) Nach einem kurzen Ausflug hinter die Kulissen des Osthausmuseums hat mein Kunstjahr heute mit der Ausstellung „Abstraktion – Komposition – Figuration“ mit von Werken der Hagener Künstlerin Ruth Eckstein in der Ardenku-Galerie von Petra Holtmann begonnen. Wäre sie nicht am 13. August 1997 gestorben, hätte Ruth Eckstein heute ihren 95. Geburtstag feiern können. Dass einige der zahlreichen Besucher der Vernissage auf den 95. Geburtstag vehement hinwiesen, ließ bereits erahnen, was sich später in Gesprächen herausstellte: Viele der Anwesenden haben Ruth Eckstein noch persönlich gekannt und erinnern sich daran, wie sie in ihrem Atelier am Sperberweg gearbeitet hat. Auch Familienangehörige waren bei der Veranstaltung zugegen, erfreut und zufrieden darüber, dass die Künstlerin in ihrer Heimatstadt nach einer kleinen Hommage im Hagener Fenster im Osthausmuseum 2013 wieder einmal gewürdigt wurde.

Ruth Eckstein wurde zwar am 10. Januar 1920 in Wetter geboren, allerdings war sie gerade ein halbes Jahr alt, als die Familie nach Hagen zog, wo sie – von einigen Jahren im schwäbischen Exil während der NS-Zeit – von da an immer lebte. Ihr Vater war vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Einführung der Rassengesetze ein renommierter Architekt in Hagen, der an der Cuno-Siedlung mitgewirkt hat und auch den Impuls für den Kuppelbau der im Krieg zerstörten Stadthalle gegeben. Kunst und Kultur gehörten im Hause Eckstein zur Tagesordnung, seien es Essenseinladungen für Künstler oder ein Besuch im Louvre. Da Ruth Ecksteins Großvater Buchhändler war, gab es ein breites Lektüreangebot und auch ihre Mutter, die als Schneiderin eine eigene Werkstatt leitete, vermittelte ihren Kindern ein Gespür für Ästhetik, Farben und Formen. So war es kein Wunder, dass sich Ruth – als sie nach dem Krieg ihr Leben neu beginnen konnte – für eine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart entschied.

Der Weg bis dahin war jedoch keineswegs leicht. Die Familie siedelte 1938 nach Stuttgart um. 1941 wurde Ruth zur Zwangsarbeit in der Industrie herangezogen wurde. Ich habe es nirgendwo gelesen, aber ich vermute, dass ihr und ihrer Familie zu dieser Zeit die Deportation erspart wurde, weil ihre Mutter keine Jüdin war. Wenige Monate vor dem Zusammenbruch des Systems der Nationalsozialisten kam sie noch ins Konzentrationslager Theresienstadt, dass sie überlebt hat und von wo aus sie sich nach der Befreiung bis Stuttgart durchgeschlagen hat. Ihr Bruder Hans lebte da bereits in Kanada, wohin er 1939 geflohen war.

Ruth Eckstein begann 1947 ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, wo sie zur Meisterschülerin von Willi Baumeister wurde, der sie durch seine künstlerische Sicht und Experimentierfreude inspiriert und in ihrem Schaffen bestätigt hat. 1950 kehrte die Familie und mit ihr auch Tochter Ruth nach Hagen zurück, 1953 wurde sie Mitglied des Hagenrings und Teil des Netzwerks Hagener Künstler, von denen einige sich noch heute und vor allem gestern bei der Vernissage an sie und den Austausch mit ihr erinnerten.

Dr. Hubert Köhler, Petra Holtmann

Der Kunsthistoriker Dr. Hubert Köhler hat in seiner kurzen Einführung erläutert, dass es eben die Mischung aus Abstraktion, Komposition und Figuration ist, die das Werk Ruth Ecksteins zusammenhält. Sie hat sich nicht auf ein Material, ein Format oder eine Form beschränkt, sondern experimentiert und keine Rücksicht darauf genommen, dass ein fast vier Meter hohes Bild nur schwer in einem Raum mit Normalmaßen unterzubringen ist. Ich fühlte mich beim Betrachten ihrer Werke abwechselnd an Kandinsky, Klee, Baumeister und alle meine Lieblingskünstler erinnert und dennoch hatten ihre Bilder etwas Einzigartiges. Umso verwunderlicher, dass ich – wie einige Bekannte, die ich gefragt habe – von ihr bisher noch nicht gehört habe. In Hagen eine Bildungslücke, das habe ich heute gelernt wie mir auch ein Besucher deutlich vermittelt hat, dass ich als Zugezogene eigentlich kein Recht hätte, mich überhaupt mit einer Hagener Künstlerin zu beschäftigen. Aber da bin ich wie Ruth Eckstein, so etwas lasse ich mir nicht vorschreiben, zumal ich mich immer freue, wenn ich erfahre, dass Frauen schon vor sechzig oder noch mehr Jahren ihren eigenen Weg gegangen sind. In jedem Fall lohnt sich ein Besuch der Ausstellung, die bis zum 2. Mai in der Ardenku-Galerie, Eduard-Müller-Straße 2, zu sehen ist. Ich werde auch noch einmal vorbeischauen. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen über Öffnungszeiten, Ausstellung und Künstlerin: www.ardenkugalerie.de