Die DVD habe ich gekauft, um mir die Dokumente
in Ruhe anzusehen und zu hören, woran sich
die Tochter von Rudolf Breslauer erinnert.

(09.12.2013) In meinem nächsten Roman wird Anne Frank eine nicht unbedeutende Rolle spielen und so versuche ich, mich von ihren Lebensorten inspirieren zu lassen. Sicher werde ich in den nächsten Monaten noch nach Westerbork fahren, um mir vor Ort einen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Es diente von 1939 aus Auffang- bzw. Durchgangslager für jüdische Flüchtlinge und war für 102.000 Menschen ein Übergangslager auf dem Weg in den Tod. Lediglich 5.000 Menschen, die in Westerbork waren, haben den Massenmord der Nazis überlebt. Unter denen, die starben, war auch Rudolf Breslauer, der jüdische Lagerfotograf, der Anfang 1944 vom Lagerkommandanten beauftragt wurde, einen Film über das Leben in Westerbork zu drehen. Ob das Originalfilmmaterial noch existiert, ist nicht bekannt. Es gab jedoch zwei Kopien, die teilweise unvollständig, gerettet werden konnten. Einen Auszug aus einer der Kopien habe ich heute im Cinema in Münster sehen können. Zusammen mit schätzungsweise 80 bis 100 anderen Besuchern der Vorführung. Sie fand im Anschluss an das Gedenken der Deportation jüdischer Bürger aus Münster am 13.12.1941 statt. Eingeleitet und kommentiert wurden die 30 Filmminuten, zu denen es keinen Ton gibt, von José Martin, die in der Gedenkstätte Westerbork arbeitet.

Westerbork war 1939 zunächst als Flüchtlingslager für die aus Deutschland in die Niederlande strömenden Juden gedacht. Es wurde auf Kosten der niederländischen Regierung errichtet, die allerdings plante, sich die Kosten von den jüdischen Gemeinden erstatten zu lassen. Das Lager war als kleine Stadt geplant mit Wohneinheiten, Theater, Krankenhaus, Einkaufsmöglichkeit. Als die Nationalsozialisten im Mai 1940 in die Niederlande einmarschierten, fanden sie also bereits ein funktionsfähiges Lager weitab von jeglicher Infrastruktur vor. Das war anfänglich etwas beschwerlich, weil sie den sechs Kilometer entfernten Bahnhof für die Anlieferung neuer Bewohner nutzen mussten. Der Zug der Menschen rief dann doch Aufsehen in der Stadt mit dem Bahnhof hervor, auch wenn diese sich nicht in unmittelbarer Nähe des Lagers befand. Es wurden daher schon bald Gleise in das Lager hinein verlegt, sodass die An- und Abtransporte, die immer mehr zunahmen unbemerkt von der niederländischen Bevölkerung von statten gehen konnten.

Die Bilder in dieser Dokumentation helfen mir,
mich in dem Lager zurechtzufinden.

Zunächst jedoch diente das Lager als Sammellager, in dem Flüchtlinge und niederländische Juden interniert wurden. Am 15. Juli 1942 gingen dann die ersten Transporte in Richtung Auschwitz. Dies war der erste von 100 Transporten, die in der Regel dienstags angesetzt wurden. Je nachdem, ob die Betroffenen nach Auschwitz und Sobibor oder nach Theresienstadt und Bergen-Belsen verlegt wurden, fanden sie sich in Viehwaggons oder in Personenwagen wieder. Eine der Informationen, die der Film, der im Mittelpunkt der Veranstaltung stand, nebenbei vermittelte.

Es sind lauter solche versteckten Informationen, die das Besondere des Films ausmachen. Von einer Dokumentation des Lagerlebens ist er sicher weit entfernt, was schon daran deutlich wird, dass ausschließlich öffentliche Bereiche gezeigt werden: Ankunft und Abtransport, verschiedene Arbeitsplätze, Freizeitangebote wie das sonntägliche Fußballspiel oder ein Lager-Cabaret und das Krankenhaus bzw. die Zahnstation. Vom wahren Leben der Lagerbewohner, von ihrer Unterbringung, ihren Mahlzeiten, ihren sanitären Möglichkeiten zeigt der Film nichts. Er kommt einem vor wie ein Werbefilm für das Lager oder ein Bewerbungsfilm des Kommandanten für eine Auszeichnung.

Für meine Recherche ist der Film dennoch sehr hilfreich, bildet er dennoch den Alltag im Lager ab, zeigt zum Beispiel die Arbeit in der Batteriefabrik, für die auch Anne Frank eingeteilt war. Ich sehe, wie die Registrierung bei der Ankunft ablief und kann mir vorstellen, wie das Umfeld aussah, in dem das Mädchen sich aufhielt. Sie lebte mit ihrer Familie in dem „Gefängnis“ des Lagers, zu der ihre Baracke 67 gehörte. Dorthin kamen jene Juden, die gegen antijüdische Gesetze verstoßen hatten, den Stern nicht trugen, eine Institution besuchten, die Juden verboten war, oder wie die Familie Frank untergetaucht waren.

Rudolf Breslauer, der den Film gedreht hat, war ein deutscher Jude, der mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen und seiner Tochter in die Niederlande geflohen war. Im Januar 1942 kam die Familie nach Westerbork, wo Breslauer damit beauftragt wurde, Fotos von den Lagerbewohnern zu machen, das geht aus einem Brief seiner Mutter hervor. Diese Tätigkeit hat ihn aber nicht dauerhaft geschützt, 1944 wurde er mit der Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er, seine Frau und die beiden Söhne umgebracht wurden. Nur seine Tochter Ursula hat das Lager überlebt.

Die Geschichte der beiden Kopien des Filmes ist so verworren, dass ich sie noch einmal recherchieren muss, ehe ich sie wiedergeben kann. 1958 tauchte eine Kopie in einem niederländischen Dokumentationszentrum auf, aber in den 90er Jahren auch noch fehlende Stellen im Filmmuseum. Klar ist, dass die Geschichte des Filmes noch nicht auserzählt ist, zumal es immer noch möglich sein kann, dass das Originalmaterial versteckt in Kisten, Truhen oder Archiven der Lagerbefreier finden. Das Drehbuch lässt vermuten, dass es mehr Aufzeichnungen gibt, als bisher bekannt sind.

Weitere Informationen über das Lager und den Film http://www.kampwesterbork.nl/de