(04.08.2014) Beim Sortieren alter Unterlagen ist mir auch die Broschüre „Gewalt im Fernsehen“ wieder in die Hände gefallen, die ich vor 20 Jahren im Auftrag des Bundesministeriums für Frauen und Jugend konzipiert und geschrieben habe. Wenn ich das Inhaltsverzeichnis und die Texte anschaue, dann könnte ich die Broschüre, die damals ich eine Auflage von 100.000 Exemplaren erschienen ist, heute genauso weitergeben.

Na gut, ich arbeite inzwischen nicht mehr bei der Aktion Jugendschutz, das Ministerium heißt inzwischen anders und Dr. Angela Merkel ist längst nicht mehr Bundesministerin für Frauen und Jugend. Ja, das war unsere Kanzlerin vor 20 Jahren und damals hat sie das Vorwort für meine Broschüre unterschrieben. Wer es verfasst hat, das weiß ich heute nicht mehr. Aber ich erinnere mich gut daran, dass Martin Arbeiter die Illustrationen angefertigt hat. Für die letzte Seite hat der Nachlassverwalter von Erich Kästner damals den Abdruck der „Ballade vom Nachahmungstrieb“ erlaubt.

Jetzt habe ich alles noch einmal gelesen und bin wirklich stolz, dass ich schon damals die Wirkungen vielfältig gesehen habe und nicht nur – wie damals durchaus üblich – auf der Nachahmung herumgehackt habe. Das war ein ständiger Streit auf Lehrerseminaren zum Thema „Gewalt in den Medien“ – ich habe versucht deutlich zu machen, dass es keine eindimensionale Wirkung gibt und man immer Umfeld, Situation und Persönlichkeit betrachten muss. Aber in die Broschüre konnte er mir nicht hereinreden!

Die drei Beispiele für den Umgang mit Fernsehen in der Familie finde ich auch noch immer gut: In „Familie Kaiser und ihr Chip-System“ gibt es ein Fernsehkontingent in der Woche, das die Kinder sich einteilen müssen. Je nachdem, was sie ansehen, müssen sie mehr oder weniger Chips aus ihrem Kontingent abgeben. „Familie Baum“ hingegen setzt auf Videoabende, an denen die Lieblingssendungen der Kinder gemeinsam angesehen werden und bei „Familie Orlac“ sorgt ein Fernsehplan dafür, dass der Fernsehkonsum im Rahmen bleibt. Solche Tipps sorgten nun wieder für Diskussionen auf Elternabenden, weil immer mindestens ein Elternpaar anwesend war, das generell gegen Fernsehen war und meinen pragmatischen Ansätze wie das Fernsehen verteufelte.

Die Broschüre endet mit Lektüretipps und den Adressen der Fernsehanstalt mit der Aufforderung, den Kontakt zu suchen, wenn einem etwas nicht gefällt. Witzig, dass ich vor zwei Wochen zum ersten Mal selbst meine Anregung aufgegriffen habe. Bis jetzt habe ich noch keine Antwort, ich warte weiter gespannt, ob ich je etwas höre oder ob diese ganzen Aufforderungen, sich als Zuschauer zu äußern, nur leere Versprechungen sind. © Birgit Ebbert