(07.09.2013) „In 300 Jahren vielleicht“ … gibt es Frieden und Essen im Überfluss, das ist die Vision der Kinder in diesem Jugendroman von Tilman Röhrig, der jetzt – 30 Jahre nach der ersten Veröffentlichung – als Taschenbuch-Sonderedition bei Arena erschienen ist.

Auch 30 Jahre später hat das Buch nichts von seiner Bedeutung verloren, noch immer gibt es irgendwo auf der Welt Krieg und es bleibt weiterhin wichtig, sich für Frieden zu engagieren und schon jungen Menschen zu zeigen, was der Krieg aus Menschen machen kann.

Jockel, Tobias, Maria und die anderen Kinder erleben Dinge, die sich heutige junge Menschen nicht vorstellen können – im Leben der Heranwachsenenden im 30-jährigen Krieg herrschen Hunger, Gewalt und Angst vor dem Überleben. Die Menschen in Eggebusch müssen sich nicht nur gegen plündernde Soldaten und ihre Familien wehren, sondern auch gegen Aberglaube und den Neid der Nachbarn. Trotz heute unvorstellbarer Erlebnisse, versuchen sie Alltag zu leben und sich über die Geburt eines neuen Erdenbewohners zu freuen. Aber selbst diese Freude wird vielen von ihnen am Ende zum Verhängnis. Die Leser bekommen dieses eindrücklich mit und selbst als Erwachsene – die das Buch vor 30 Jahren schon gelesen – hat, sind die Beschreibungen und ist die Spannung an manchen Stellen kaum zu ertragen.

Das wirft die Frage auf, ob das Buch heute überhaupt noch gelesen wird und gelesen werden kann. Ich beobachte den Kinder- und Jugendbuchmarkt nun seit fast 30 Jahren und erinnere mich gut, dass in jener Zeit „Schneider-Bücher“ als reine Unterhaltung verpönt waren, in Empfehlungslisten tauchten sie kaum auf. Einmal ist es mir gelungen, ein Buch von Jo Pestum dort unterzubringen. Bis heute hat der Markt, so scheint es mir, eine Kehrtwende vollzogen. Unterhaltungsbücher sind angesagt und Bücher mit einem Inhalt, der über Fun und vielleicht noch Selbstfindung hinaus geht, sind verpönt. Was – kleine Nebenbemerkung – für eine Autorin für mich, die keine reinen Fun-Bücher mag und auch nicht schreiben kann ein großer Nachteil ist. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Derweilen werde ich neugierig beobachten, wie dieses anspruchsvolle Taschenbuch aufgenommen wird.

Ich habe Verlag und Autor gefragt, wie sie die Chancen sehen und warum das Buch, das übrigens 1984 den Jugendliteraturpreis bekommen hat, wieder aufgelegt wurde.

Tilman Röhrig: Wer hat den Anstoß zu der Sonderedition gegeben? Du oder der Verlag?
Da der Roman in schöner Regelmäßigkeit eine neue Auflage erfährt (Das Buch wird halt landauf landab in den Schulen gelesen) ist der Verlag – meines Wissens- auf die Sonderausgabe gekommen. Auch soll im nächsten Frühjahr (30 Jahre Jugendliteraturpreis) in Würzburg einiges um den Roman gefeiert und gelesen werden.

Arena Verlag: War das Buch eigentlich seit 1983 kontinuierlich erhältlich oder war es zeitweise vergriffen? Wie kam es zu dieser Sonderedition?
Der Titel ist seit 1983 kontinuierlich lieferbar, zeitweise sogar parallel in verschiedenen Ausgaben. Lieferlücken zwischen den einzelnen Auflagen oder Neuausgaben bestanden nie länger als wenige Wochen. Anlass der diesjährigen Neuauflage ist das 30-jährige Jubiläum des Titels. Im kommenden Jahr jährt sich dann die Auszeichnung mit dem DJLP zum 30. Mal. Das war uns schon eine Sonderedition wert. Schließlich handelt es sich bei „In 300 Jahren vielleicht“ um einen – bedauerlicherweise – thematisch zeitlosen Titel. Durch die Perspektive von Jockel erfahren auch heute Jugendliche in dem seit über 50 Jahren befriedeten Deutschland, was es bedeuten mag seit Geburt im Krieg zu leben und die Bedeutung des Wortes „Frieden“ lediglich aus den Erzählungen der Urgroßmutter zu erfahren.1983 waren Kriegs- und Gewaltbilder noch nicht so präsent in den Medien, sodass sich die Leser sich ihre eigenen Bilder machen können. Heute haben Heranwachsene Tausende Tote im Fernsehen oder Computer gesehen?

Tilman Röhring: Glaubst du, dass die heutigen Jugendlichen dein Buch noch verkraften können?
Ich habe das Buch nie für Jugendliche geschrieben. Es ist eben ein Roman. Bei beinen doch immer noch zahlreichen Lesungen erfahre ich in Schulen wie sehr der Text auch die Jugendlichen (14 – 19) berührt. Zu Deiner Frage: Je größer der eigene Erfahrungshorizont, umso tiefer schockt das Buch. So ist ein natürlicher Seelenschutz bei den jungen Leuten möglich.

Arena Verlag: Wie sind die bisherigen Reaktionen auf die Sonderausgabe?
Die Resonanz bei den Lehrerinnen- und Lehrerverbänden, bei der AJUM und vom Bibliotheksservice ist durchweg positiv.

Tilman Röhrig: Würdest du, wenn du das Buch heute schreiben wolltest, etwas ändern?
Nein. Jedes Buch ist eine Perle in meiner Lebenskette, so ganz und so vollständig wie ich es zum Schreibzeitpunkt leisten konnte.

Ich habe ja selten Gelegenheit, mit einem Autor zu kommunizieren, der so lange im Geschäft ist und irgendwann vom Kinder- und Jugendbuch zum Erwachsenenroman gewechselt hat. Mit Bestsellerstatus. Diese Gelegenheit habe ich natürlich genutzt.

Was hat sich für dich im Autorenleben in den 30 Jahren seit Erscheinen deines Buches geändert? Wann und warum hast du die Zielgruppe gewechselt?
Ich bin sicherer geworden. Längst nicht mehr schaue ich mit Eifersucht auf den Erfolg meiner Kollegen. Ich habe den Verlag gewechselt und meine Zielgruppe erweitert, weil mein Denken in umfassendere und tiefere Ebenen geraten ist.

Welches Thema würdest du heute für junge Menschen in einem Roman aufgreifen?
Ich weiß es nicht. Ich würde ihnen einfach meinen neuen Roman geben und schauen ob sie ihn mögen … (Ich schnmunzele)
Ich habe gesehen, dass auch das allererste Buch von Tilman Röhrig, „Thoms Bericht“ aus dem Jahr 1973 wieder erschienen ist.

Wie ist das für dich, diesen Roman heute noch einmal zu lesen und im Verlagskatalog zu sehen, Tilman?
Auch „Thoms Bericht“ erscheint immer wieder neu. Ein Thema, so aktuell, dass der WDR gerade mit mir einen Dokumentarfilm über ThomsBericht und ‚die geprügelte Generation‘ gedreht hat. Auch dieses Buch lese ich nach wie vor in den Schulen und noch nie gab es keinen Erfolg.

Zu dem Buch „In 300 Jahren vielleicht“ gibt es auch eine Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer zum Download, herausgegeben von Peter Conrady, der auch ein Nachwort für die Sonderedition verfasst hat.

Weitere Informationen