(27.07.2015) Dank eines Lektüretipps meiner Autorenkollegin Katia Simon bin ich zum Start meines Daheim-Urlaubs erst einmal gedanklich nach Wien gereist und habe erlebt, welch tolle Frauen in den 30er Jahren dort aktiv waren.

Ich habe die Salons wiederentdeckt, mit denen ich mich schon für mein Steampunk-Projekt beschäftigt habe – einen solchen Salon würde ich auch gerne einrichten. Falls also in Hagen jemand die passende Location dafür hat oder weiß, her mit den Vorschlägen. Von Berta Zuckerkandl und Alma Mahler-Werfel hatte ich natürlich schon gehört, Eugenie Schwarzwald allerdings war mir bis Samstag gänzlich unbekannt. Dabei hätte sie mir während des Pädagogikstudiums eigentlich begegnen sollen. Aber das liegt auch schon wieder Jahrzehnte zurück, da standen Schleiermacher und Dilthey auf dem Seminarplan, vielleicht noch Korczak, Montessori und die Jena-Plan-Schule. Sicher aber keine Frau, die in den 1930er Jahren mit unkonventionellen Lehrmethoden am Wiener Mädchenlyzeum für Aufregung sorgte. Koedukation war damals eigentlich noch ein Fremdwort und Abitur für Mädchen eher unüblich, außer bei Eugenie Schwarzwald, die beides in ihrer Schule einführte, mit den Schülern ins Theater und in dieOper ging, den Schülerinnen riet, sich doch praktisch zu kleiden und auf Korsetts zu verzichten und auch noch den umstrittenen Oskar Kokoschka als Zeichenlehrer engagierte.

Interessant fand ich auch die Artikel über die Fotografinnen Madame d’Ora und Trude Fleischmann, die Beispiel dafür sind, dass Frauen eben doch in Männerberufen erfolgreich sein konnten – in den 1920erJahren bereits. Trude Fleischmann war zunächst Schülerin bei Madame d’Ora, ehe sie sich als Porträt, Tanz und Aktfotografin selbstständig machte. Mit Erfolg, erst die Nationalsozialisten stoppten ihren Aufstieg in Wien, den sie allerdings dank ihrer Freundin Helen Post in den USA fortsetzen kann.

Die Reihe der spannenden Frauenleben, die in diesem Buch versammelt sind, ließe sich fortsetzen, da sind Tänzerinnen und Autorinnen, Journalistinnen und natürlich Schauspielerinnen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie im Wien der 1930er Jahre in den Salons und Kaffeehäusern anzutreffen waren und sich dort miteinander und natürlich auch mit den prominenten Herren jener Zeit austauschten. Trotz der schwierigen Zeit, in der die Frauen – fast alle mit jüdischen Wurzeln – lebten, bleibt bei mir doch ein bisschen Neid auf jene Zeit, in der man in ein Café gehen konnte und sicher war, dass man Gleichgesinnte traf und in der man in Salons netzwerkte. Ein lesenswertes Buch, das einem Wiens widersprüchliche Jahre vor dem Anschluss an Nazi-Deutschland auf neue Weise nahebringt.

Ich war doch neugierig, mehr über die Hintergründe des Buches zu erfahren und habe Heidi Herrberg drei Fragen zum Buch gestellt. Herzlichen Dank für die Antworten.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Buch zu schreiben?
Ich habe vor Jahren für einige Monate in Wien gearbeitet, und da ich grundsätzlich an weiblichen Biographien interessiert bin, stieß ich – u.a. durch die Arbeit – auf spannende historische Frauen der Stadt. Das Buch war ursprünglich Teil einer Reihe der edition ebersbach über Künstlerinnen und kulturschaffende Frauen der 1920er und 30er Jahre in Metropolen. Da Wien viel Stoff für dieses Thema bietet, beauftragte die Verlegerin uns mit dem entsprechenden Band über Wien. Meine Mitautorin und Freundin Heidi Wagner und ich nahmen uns dann ein Jahr Zeit, um zu recherchieren, und stießen auf immer mehr Frauen, über die wir gern geschrieben hätten.

Was hat Sie bewogen, genau die Frauen auszuwählen, von denen in dem Buch die Rede ist?
Zum einen sollte das Ganze eine gute Mischung aus bekannten und unbekannten bzw. weniger bekannten Künstlerinnen sein und zum anderen war die Materiallage sehr unterschiedlich – sodass wir bei der Auswahl auch ein kleines bisschen pragmatisch sein mussten. Natürlich wollten wir aber auf jeden Fall die für die Zeit prägenden künstlerischen Bereiche abdecken und über Frauen schreiben, die sowohl von ihrer Kunst oder Profession her als auch privat, persönlich spannende Lebensläufe hatten – und deren Biographien zudem die (Konflikte der) Zeit spiegelten.

Welche der Frauen hätten Sie am liebsten persönlich kennengelernt und interviewt?
Wir hatten wir das große Glück, die Tänzerin Hilde Holger noch persönlich kennenzulernen. Wir haben sie in London besucht und interviewt – und waren sehr fasziniert von dieser Künstlerin. Mit ihrer Tochter sind wir nach wie vor in Kontakt. Darüber hinaus lernten wir im Laufe der Recherchen ehemalige Schülerinnen von Eugenie Schwarzwald kennen, außerdem Verwandte der Fotografin Trude Fleischmann, zu denen sich inzwischen eine Freundschaft entwickelt hat.

Heike Herrberg & Heidi Wagner: Wiener Melange. Frauen zwischen Salon und Kaffeehaus. Edition Ebersbach 2014

Internetseite von Heike Herrberg