(06.09.2019) Das ist das Schöne am Dasein als Stadtschreiberin, ich lerne viele neue Menschen und Dinge kennen. Gestern haben mir drei Leinaer einen Schriftsteller vorgestellt, dessen Name mir im letzten Jahr noch nichts sagte: Wilhelm Hey. Seine Lieder „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ und „Alle Jahre wieder“ kann ich auswendig mitsingen, aber seine gereimten Fabeln waren mir bewusst bis letzte Weihnachten noch nicht begegnet.

Meine erste Begegnung mit Wilhelm Hey

Es ist ein schönes Beispiel für selektive Wahrnehmung, wie ich das erste Mal auf Wilhelm Hey aufmerksam wurde. Zu Weihnachten bekam ich ein Buch von 1906 mit Texten aus alten Lesebüchern, beim Durchblättern fiel mir ein Text auf, in dem Papier vorkommt 🙂 „Papierdrache und Vögel“. Papier – mein Thema – Aufmerksamkeit, in der Quelle tauchte Gotha auf und ich habe ein bisschen recherchiert. Deshalb war ich auch gleich interessiert, als mich ein Mitglied des Freundeskreises Wilhelm Hey zu einem Besuch im Geburtshaus einlud. Und eben dort war ich gestern. In dem kleinen Archivraum, in dem alte Bücher von Wilhelm Hey liegen, die Hausplatte, die vor der Außensanierung des Gebäudes angebracht war, Bildtafeln mit Bildern zu seinen Fabeln, die vor über 100 Jahren in vielen Schulen hingen und in dem sich ein zauberhaftes Bilderkino befindet, das man sich selbst angucken sollte 🙂

Hauslehrer, Hofprediger, Dichter und mehr

Wilhelm Hey ist am 26. März 1789 in Leina geboren, nach dem Tod seiner Eltern ist er bei seinem Bruder aufgewachsen, der auch dafür gesorgt hat, dass er in Gotha das Gymnasium – das heutige Ernestinum – besuchen konnte. Anschließend hat er in Jena und Göttingen Theologie studiert und hat seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer, Pfarrer, Hofprediger (bei Herzog August in Gotha) und zuletzt als Superintendent bestritten. In Gotha war er u. a. mit dem Verleger Friedrich Andreas Perthes befreundet, in dessen Verlag seine 50 Fabeln für Kinder erschienen sind. Die Fabeln hatte Hey als Mitbringsel für die Verlegerkinder geschrieben, dessen Vater sie veröffentlichte. Da Wilhelm Hey bescheiden war und wenig Aufhebens um seine Person machte, tauchte sein Name auf der ersten Veröffentlichung nicht auf, weshalb seine Fabeln lange als „Specktersche Fabeln“ nach dem Illustrator Otto Speckter bekannt waren. Hey schrieb auch verschiedene andere Geschichten und natürlich Predigten, am bekanntesten wurden jedoch seine beiden Lieder „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ auf eine Melodie aus seiner Zeit und „Alle Jahre wieder“ mit einer Musik von Friedrich Silcher, der im gleichen Jahr wie Hey in Württemberg geboren ist und ein angesagter Komponist von Kirchen- und Volksmusik war.

Seiner Zeit voraus

Faszinierend finde ich, dass Wilhelm Hey in vielen Dingen seiner Zeit voraus war. Als er den Auftrag bekam, eine Bewahranstalt für Kinder aufzubauen, deren Mütter bei der Ernte helfen mussten, machte er daraus eine Institution mit pädagogischem Anspruch – etwa zeitgleich zu den ersten Kindergärten von Friedrich Fröbel. 1814 hat er an einem Gothaer Gymnasium dafür gesorgt, dass Turnkunst eingeführt wurde und wenn man seine scheinbar altmodischen Texte liest, entdeckt man Inhalte, die heute noch aktuell sind. So kritisiert er in einer Fabel über den Tanzbären, dass dieser nicht seiner Natur entsprechend im Wald leben darf, sondern in der Stadt vorgeführt wird und die Fledermaus, die weder Vogel noch Maus ist, erlebt schon vor knapp 200 Jahren, dass keiner etwas mit ihr zu tun haben will, weil sie anders ist.

Der Freundeskreis Wilhelm Hey

Als das Ehepaar, das heute in dem Geburtstag von Wilhelm Hey lebt, vor Jahren eingezogen ist, hat es bald begonnen, sich mit dem Wirken des Mannes zu beschäftigen. Vor 10 Jahren haben sie mit vier Gleichgesinnten den Freundeskreis gegründet, der heute 90 Mitglieder in ganz Deutschland und darüber hinaus umfasst. Ziel des Freundeskreises ist es, an Wilhelm Hey zu erinnern und seinen Lebensweg so gut wie möglich nachzuzeichnen. Dazu forschen sie selbst und betreuen Forschungsarbeiten von Studenten und sie sammeln alte Ausgaben der Schriften von Wilhelm Hey – ganz oben auf der Wunschliste steht eine japanische Ausgabe der Fabeln, von denen bekannt ist, dass es sie gab. Falls ihr also gerade eine herumliegen habt, meldet euch 🙂 Außerdem sind sie auf der Jagd nach den Bildtafeln zu den Fabeln von Wilhelm Hey, die früher in vielen Schulen hingen.

Im Regionalmuseum in Gotha sollen einige hängen, der Freundeskreis besitzt zwei Exemplare, da werde ich in Westfalen die Augen aufhalten, ob ich weitere entdecke. Interessant finde ich, dass die Fabeln von Wilhelm Hey bis Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Schulbüchern vertreten waren, aber dann verschwunden sind. In Hagen werde ich daraufhin meine kleine Lese-Buch-Sammlung durchforsten. Ob es daran liegt, dass die Fabeln gereimt sind und das irgendwann nicht mehr in war? Jedenfalls hatte ich einen interessanten Nachmittag, der an der Hey-Linde endete, wo die Mitglieder des Freundeskreises zum Geburtstag und Todestag und zum Tag der toten Dichter, von dem ich noch nie gehört hatte, einen Blumenstrauß bzw. eine Rose ablegen. Der Tag der toten Dichter sei am 2. Juni, hieß es, das ist der Start des Filmes „Der Club der toten Dichter“, hat sich daraus ein Gedenktag ergeben? Vielleicht auch nur auf lokaler Ebene? Google weiß nichts davon. Ihr vielleicht? So führt eine Antwort zur nächsten Frage 🙂 © Birgit Ebbert
Die Fabeln von Wilhelm Hey auf gutenberg.de