(18.07.2014) Einer der drei Künstler, deren Werke in der Ausstellung „Berliner Skulpturenfund Entartete Kunst im Bombenschutt“ zu sehen sind, ist der gebürtige Hagener Will Lammert. Bei der Durchsicht der Hagen- und Heimatbücher der letzten Jahre habe ich vergebens nach einem Artikel über ihn Ausschau gehalten, obwohl er vermutlich der einzige gebürtige Hagener ist, der in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vertreten war. In jedem Fall sind sein Leben und Werk beispielhaft dafür, was die Nationalsozialisten einem Künstler angetan haben. (Bild links „Kopf einer goldenen Figur“ von 1914)

Lammert wurde am 5. Januar 1892 in Hagen geboren und wuchs auch hier auf. Sein Vater war Maschinenschlosser und er absolvierte zunächst eine Ausbildung als Stuck-, Stein- und Holzbildhauer. Schon bald danach zog es ihn zur Kunst. Dank Karl Ernst Osthaus bekam er ein Stipendium an an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Hamburg, wo er bei Richard Luksch studierte. Studienaufenhalte in Paris schlossen sich an und bei der Werkbundausstellung 1914 in Köln war er – kurz vor seinem Dienst als Soldat im ersten Weltkrieg – erstmals mit mehreren Skulpturen vertreten. Nach dem Krieg bildete er sich an der Fachhochschule für Keramik ind Höhr fort und war als freier Bildhauer in Hagen und darüber hinaus tätig. Als das Folkwang-Museum 1922 nach Essen umzog, ging er mit und fand ein Atelier in der Künstlerkolonie Margarethenhöhe, wo er später eine Keramikwerkstatt leitete.

Bis dahin sah alles danach aus, als stünde er mit 33 am Anfang einer großen Karriere als Bildhauer. Das änderte sich 1933 schlagartig. Nicht nur, dass er mit einer jüdischen Ärztin verheiratet war, er war seit 1932 auch noch Mitglied der KPD und verhalf Kommunisten zur Flucht bzw. gewährte ihnen Unterschlupf und seine Frau behandelte sie kostenfrei. Als er hörte, dass er wegen Hochverrats verhaftete werden sollte, floh er in die Niederlande und später nach Paris, wohin seine Familie ihm wenig später folgte.

Schon bei der ersten Präsentation seiner Werke in Köln hatte Will Lammert den Zorn der katholischen Kirche auf sich gezogen mit seinen „Goldenen Figuren“, die als anstößig bezeichnet und aus der Austellug entfernt wurden. Kein Wunder, dass sich Klaus von Baudissin, der neue Direktor des Folkwang-Museums, daran machte, Lammerts Werk als „entartet“ zu vernichten. Vernichten ist das richtige Wort, denn von seinen Skulpturen aus der Zeit von vor 1933 ist kaum noch eine vorhanden. In einem Artikel über die „entarteten“ Hagener Künstler im Heimatbuch 1992 taucht er auch nicht auf. Baudissin hatte ganze Arbeit geleistet. Diese komplette Zerstörung eines Frühwerks war deshalb möglich, weil Will Lammert als Bildhauer häufig im Architektenauftrag arbeitete und Baudissin nur die Zerstörung von Fresken und Wandbildern anordnen musste.

Während in Nazi-Deutschland sein Werk vernichtet wurde, geriet Lammert in Frankreich unter Druck. 1934 wurde er ausgewiesen und floh in die Sowjetunion, wo er versuchte, mehr schlecht als recht zu überleben. Er arbeitete für Architekten und gab Zeichenunterricht – bis er nach dem Angriff der Deutschen auf Russland auch aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde.

Erst nach 18 Jahren, im Dezember 1951, kam er zurück nach Deutschland. In die DDR, wo es ihm gelang für wenige Jahre erneut Fuß zu fassen. 1952 wurde er in die Deutsche Akademie der Künste aufgenommen und 1954 begann er mit den Arbeiten für die Mahn- und Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ravensbrück. Diese konnte er nicht mehr vollenden, er starb am 30. Oktober 1957 in Berlin. Posthum wurde ihm 1959 der Nationalpreis der DDR verliehen, von dessen Preisgeld seine Witwe den Willi-Lammert-Preis auslobte, der von 1962 bis zur Wiedervereinigung an Bildhauer verliehen wurde.

Vor diesem Hintergrund hat die Skulptur „Sitzendes Mädchen I“ von 1913 (Bild 2 und 3), die im Bauschutt gefunden wurde, eine ganz besondere Bedeutung, die noch dadurch unterstrichen wird, dass sich zufällig, eine Fassung dieser Figur im Bestand des Osthausmuseum- Figur befindet und zusammen mit den Fundstücken gezeigt werden kann. Meines Erachtens macht dies die Hagener Version der Ausstellung zu etwas Einzigartigem. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen zur Ausstellung, die noch bis zum 21. September im Osthausmuseum in Hagen zu sehen ist.

Bisherige Beiträge zum Thema „Entartete Kunst“
Berliner Skulpturenfund – Entartete Kunst im Bombenschutt
Entartete Kunst – Kunstvernichtung in der NS-Zeit Teil 1
Entartete Kunst – Kunstvernichtungin der NS-Zeit Teil 2
Berliner Skulpturenfund – Dr. Birgit Schulte und das Rätsel von Milly Stegers Kniende