(06.09.2014) Seit 2006 steht neben Schiller-Nationalmuseum, das von Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle vor 110 Jahren entworfen und 1903 eröffnet wurde, das Literaturmuseum der Moderne von David Shipperfield. Hier ist nun viel Raum für Wechselausstellungen wie jetzt gerade „Reisen – Fotos von unterwegs“ und es gibt eine ganz besondere Präsentation von Exponaten aus dem Nachlass oder Besitz von Schriftstellern der Moderne.

Schon wenn man den Raum betritt wird man gefesselt, zumindest wenn man Glas und Licht mag. Ich kam mir vor wie in dem Kunstwerk, das ich von Hans Kotter im letzten Jahr gesehen habe. Wo ich auch hinsah Lichtstäbe und Spiegelungen und dazwischen Erstausgaben, Manuskripte, Briefe, Notizen und Gegenstände aus dem Besitz von Autoren, die ich schätze. Ich fühlte mich wie verzaubert und stand teilweise ganz entrückt vor den Exponaten. Alles befindet sich natürlich hinter Glas, aber durch die einmalige Konstruktion aus Vitrinen und Licht wirken die einzelnen Exponate lebendig und besonders.

Entlang eines Zeitstrahls von 1894 bis 2005, der seitlich im Raum auf einer Steinbank angebracht ist, können sich Besucher von Exponat zu Exponat und von Vitrine zu Vitrine hangeln. Wer möchte, kann ein Tablet mitnehmen, über das er Hintergrundinformationen über die Exponate und Autoren bekommen kann. Das war mir gestern zuviel, aber ich komme auf jeden Fall noch einmal wieder und hole das dann nach.
Auch ohne die digitale Hilfestellung ist die Sammlung ein Erlebnis. Man gewinnt einen Eindruck davon, wie die Schriftsteller geschrieben und gearbeitet haben und das ist sehr unterschiedlich. Am auffälligsten fand ich die Papierrollen mit den getippten Texten von Theweleit. Zuerst habe ich mich gefragt, wie er das Toilettenpapier in die Maschine bekommen hat, aber dann gesehen, dass es normales Papier ist und die Bögen sich eben ineinander rollen. Interessant auch, dass manche Autoren kleine Bastelarbeiten zu ihren Werken anfertigen, genau das wollte ich für eine nächste Kindergeschichte auch machen. Manches ändert sich eben nicht.

Textaxt oder Buchbeil? Von Christian Morgenstern

Und manches ändert sich. Das wurde mir in dem Raum ganz besonders bewusst. Wir heutigen Autoren schreiben und überarbeiten am PC und entsorgen die Druckfahnen, sofern es überhaupt noch welche gibt. Ich drucke sie mir meist aus, aber es gibt sicher Kollegen, die alles am PC machen. Für die Nachwelt bleibt da nicht mehr viel. (Ok, Friedrich Schiller, das erfuhr ich im alten Teil es Museums, hat seine Manuskripte auch entsorgt, also kein ganz neues Phänomen!) Aber ob zukünftige Generationen wirklich genauso ehrfürchtig wie ich vor den Schaukästen stehen werden?

Ich habe über den dicken Manuskriptstapel von Max Frisch gestaunt, das Drehbuch zum Münchhausen-Film von Bertold Bürger alias Erich Kästner, was handschriftlich auf der Titelseite korrigiert wurde, und zum Film „Das doppelte Lottchen“. Amüsiert hat mich das Textbeil (oder die Buchaxt?) von Christian Morgenstern und fasziniert haben mich die Zettelkästen und Notizbücher verschiedener Autoren, die ein wenig über ihren Arbeitsstil verraten. Ernst Jünger zum Beispiel schrieb in einem Ringbuch, Michael Ende dagegen in ein Schulheft. Ich kann das gar nicht alles wiedergeben, weil es so vielfältig war – auch wie zeichnerisch begabt manche Schriftsteller waren. Ihre Manuskripte sind kleine Bilderbücher.

Da gab es eine Erstausgabe von Kästners „Fabian“ und andere Bücher, die vor dem Feuer der Nazis gerettet wurden, erste Suhrkamp-Bücher und ein Exemplar der Rowohlt-Zeitschrift „Die Story“, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte. Apropos Rowohlt, auch ein Exemplar des „Pinguin“ war zu sehen, der von 1946 bis 1949 von Erich Kästner in Stuttgart herausgegeben wurde. Interessant auch das Buch von Tucholsky in Blindenschrift. Ich war wirklich froh, dass ich vorab eine Fotogenehmigung eingeholt hatte, sonst hätte ich mir die Finger wund notiert und deutlich weniger Genuss gehabt.

Das ist das „Münchhausen“-Drehbuch von Erich Kästner

Nicht fotografiert habe ich die Briefe der Schriftsteller, die ausgestellt wurden. Für mich sind Briefe auch in Zeiten von E-Mail und NSA noch immer etwas Persönliches, obwohl sie natürlich – wie ich bei der Lektüre der Kästner-Briefe festgestellt habe – auch viel Zeit- und Sozialgeschichte enthalten. Die Briefe, die in der Schausammlung ausgestellt werden, haben meist eben jenen zeitgeschichtlichen Bezug, dazu gehört zum Beispiel auch der Brief von Thomas Gottschalk an Marcel Reich-Ranicki nach dessen Weigerung, den ZDF-Fernsehpreis 2008 abgelehnt hat. Als Kästner-Fan hat mich natürlich das Telegramm von Marlene Dietrich aus dem Jahr 1932 fasziniert, in dem sie berichtet, dass sie gerade „Pünktchen und Anton“ im Kino gesehen hat. Witzig, die Leserzuschriften, bei denen ich mich gefragt habe, ob irgendwann jemand vor der Vitrine steht und seinen eigenen Brief dort entdeckt.

So sehr ich es auch versuche, man kann diese Schausammlung nicht beschreiben, man muss sie einfach anschauen! © Birgit Ebbert

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