Zigeuner-Boxer(29.10.2016) Nun fange ich zum dritten Mal an, über diese Premiere zu schreiben: Zigeuner-Boxer im LutzHagen. Vielleicht fällt es mir so schwer, darüber zu schreiben, weil ich irgendwann vergessen habe, dass ich ein Theaterstück sehe. Es kam mir vor, als erzählte Hans, dargestellt von einem überragenden Andreas Kunz, uns seine wahre Geschichte über die erste Begegnung mit Ruki am zwölften Geburtstag, ihr erneutes Wiedertreffen im Boxclub Borussia zwei Jahre später und alles, was später geschah. Andreas Kunz hat die Rolle so eindringlich und überzeugend gespielt, dass sich für mich und ich glaube auch für andere im Publikum die Realitäten verschoben haben. Plötzlich waren wir Teil des Stückes. Als Hans-Andreas vor uns stand und fragte, ob jemand seine Erinnerung haben wolle, war ich mehrmals versucht, „Ja“ zu sagen, um sie ihm abzunehmen, weil ich seine Not spürte durch die Intensität seiner Darstellung und den Umgang mit den wenigen Requisiten auf der Bühne. Er habe die vierte Wand zum Publikum aufgebrochen, erklärte Andreas Kunz in der anschließenden Gesprächsrunde, und so wie wir mitgenommen und reingezogen wurden, so haben wir ihn geprägt, hat er verraten. Genauso kam es bei mir an und das hat den Abend so besonders und einzigartig gemacht.

Der Zigeuner-Boxer

zigeuner-boxer1Doch zurück zum Stück Zigeuner-Boxer, das Rike Reiniger über das Leben des Deutschen Meisters im Halbschwergewicht Johann „Rukeli“ Trollmann geschrieben hat. Erzählt wird Rukelis Weg zum Boxer und zu seinem Tod im Konzentrationslager, weil er als Sinto nicht den Vorstellungen eines „Deutschen“ entsprach, verbunden mit einer Jugendfreundschaft, die durch widrige Umstände ins Wanken gerät. Nicht jede Einzelheit des Stückes basiert auf wahren Begebenheiten, aber Rike Reiniger kommt der Geschichte schon sehr nahe. Das bestätigte Rita Vowe-Trollmann, Rukelis Tochter, die zur Premiere aus Berlin nach Hagen gekommen war. Sie verriet, dass Rukeli in der Tat einen Freund hatte, der durchaus Ähnlichkeit mit dem Hans aus dem Stück hatte, was Rike Reiniger nicht wusste, als sie das Stück schrieb. Sie hat die Figur erfunden, um einen Menschen auf die Bühne zu bringen, der angesichts von Rukelis Geschichte mit sich und seinem Verhalten ringt. Aber das hat sie so überzeugend geschrieben und mit dem Darsteller Andreas Kunz entwickelt, dass ich mich schwer tun werde, in meinem Gedächtnis die Fiktion mit der Realität zu überlagern. Und trotzdem oder gerade deshalb empfehle ich, das Stück anzuschauen – es nimmt einen mit und ist nicht leicht, aber auch so voller wunderbarer Sätze und so authentisch gespielt, das man es erleben muss. Ja, muss, gerade in der heutigen Zeit.

Johann „Rukeli“ Trollmann

Anders als der Tod vieler Menschen in Konzentrationslagern ist der von Johann „Rukeli“ Trollmann bekannt. Er ist Teil der Klage von zwei KZ-Häftlingen gegen einen Kapo und auf diese Weise eidlich aktenkundig geworden. Dadurch ist Rukeli zusätzlich zu seiner Sportlerkarriere im Schatten der NS-Herrschaft zu einem Symbol für das Gedenken an den Holocaust geworden. Verschiedene Denkmale, Stolpersteine und Filme erinnern an ihn und eben das Stück, das derzeit im Lutz gespielt wird. Johann Trollmann wurde am 27. Dezember 1907 in Wilsche bei Gifhorn als Sinto geboren und wuchs in der Altstadt in Hannover auf. Mit acht Jahren begann er zu boxen und gewann eine Regional-Meisterschaft nach der anderen. Er hatte alle Chancen, bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 auf dem Treppchen zu stehen, doch der Verband strich ihn unter fadenscheinigen Begründungen von der Liste. Aus heutiger Sicht lässt sich erahnen, welche Kriterien zu jener Zeit angelegt wurden: Ein Sinto als deutschen Olympiateilnehmer oder gar Olympiasieger mochten sich manche nicht vorstellen, die NSDAP begann sich bereits in Behörden und Verbänden auszubreiten. Rukeli Trollmann wechselte daraufhin ins Profilager und errang dort nach seiner Umsiedlung ins Box-Zentrum Berlin schnell Erfolge.

Deutscher Meister für Minuten und die Ewigkeit

zigeuner-boxer2Hier muss ich einen kleinen Einschub machen: In den 30er-Jahren war Boxen ein großer Unterhaltungssport, von dem auch Herti Kirchner, die Schauspielerin und Freundin von Erich Kästner, begeistert war. Ich habe in ihren Briefen nach einem Verweis auf Rukeli gesucht, allerdings nicht gefunden, bin aber sicher, dass sie bei einem seiner Kämpfe anwesend war, die er ab 1930 in Berlin führte. Er stieg gegen alle Boxgrößen der Welt in den Ring und errang am 9. Juni 1933 die Deutsche Meisterschaft gegen Adolf Witt. Doch obwohl Rukeli Trollmann für das Publikum klar ersichtlich gesiegt hatte, versuchten die Kampfrichter ihm den Sieg streitig zu machen und das Spiel für unentschieden zu erklären. Direkt nach dem Kampf gelang ihnen das wegen der Zuschauerproteste nicht, doch wenig später wurde ihm schriftlich der Titel aberkannt, 1933, der ihm postum 2003 wieder verliehen wurde.

Im Visier der NS

Nach diesem Kampf wurde das Leben für Rukeli Trollmann immer schwerer, doch er ließ sich nicht vereinnahmen und entmutigen. Als er am 21. Juli 1933 erneut in den Ring stieg, verkleidete er sich als blonder Jüngling mit weiß gepudertem Gesicht und ließ sich vermutlich absichtlich von seinem Gegenüber besiegen. Danach war er auf Jahrmärkten unterwegs und versteckte sich schließlich, um der Vernichtung der Nazis zu entgehen. Dennoch wurde er zur Wehrmacht eingezogen und an der Ostfront verwundet, bis 1942 Sinti nicht mehr für Deutschland kämpfen durften. Kurz darauf wurde er verhaftet, kam in ein Lager, musste dort von der Arbeit und der Mangelernährung entkräftet zur Unterhaltung der Nazi-Schergen boxen. Dabei war er immer im Zwiespalt – schlug er den Gegner konnte das ebenso gegen ihn ausgelegt werden wie ein schnelles KO. Meist gelang ihm dieses Vabanque-Spiel, doch irgendwann schaffte er es nicht, sich unter Kontrolle zu bringen und er schlug einen Kapo im Kampf. Dieser brachte ihn wenige Tage hinterrücks um, wie durch das Zeugnis zweier Häftlinge belegt ist.

Der erste Eindruck vom Leiter des LUTZ-Theater Werner Hahn im Interview mit TV58

Anschließendes Gespräch über den Zigeuner-Boxer mit Andreas Kunz, Rike Reiniger und Rita Vowe-Trollmann bei  TV58

Weitere Termine der Aufführung: 4.11. 19.30 Uhr, 6.12. 12.00 Uhr, 17.3.2017, 19.30 Uhr, 28.06. 2017 19.30 Uhr, 29.06.2017 12.00 Uhr.

Informationen über Johann „Rukeli“ Trollmann