(05.11.2014) Als ich gestern bei Facebook den Link zu einem Artikel der Welt über Georg Trakl sah, fiel mir sofort ein Gedicht zum Thema „Großstadt“ ein, das ich in den acht Jahren meiner Tätigkeit als Lernbegleiterin jedes Jahr mindestens mit einem Schüler analysieren musste. Ich erinnerte mich daran, dass ich weder als Jugendliche noch als junge Erwachsene einen Zugang zu den Texten fand und in den Unterrichtsstunden auch keine echte Sympathie entwickelt konnte. Dabei wird Trakl überall als einer DER Dichter des Expressionismus gerühmt und expressionistische Kunst mag ich. Also habe ich mich entschieden, den Abend seines 100. Todestages ihm zu widmen und in einem dritten Anlauf zu versuchen, eine Beziehung zu ihm und seinem Werk zu bekommen.

Begonnen habe ich mit einer Recherche in der Hoffnung, in seiner Vita oder den Artikeln über ihn einen Anknüpfungspunkt zu finden. Einen ersten Eindruck über vermittelte mir der Beitrag in dem Blog Kölner Leselust, wobei mich weder die persönliche Geschichte noch die Drogenexzesse besonders neugierig gemacht haben. Andererseits finde ich es erstaunlich, dass als junger Mensch, er wurde am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren und starb mit 27 Jahren am 3. November 1914 in Krakau, bereits einen so starken Einfluss auf die Literatur ausübte. Aber vielleicht hat seine Herkunft dazu beigetragen, dass er sich aus dem Alltag in eine andere Welt geschrieben hat. Mit einer Mutter, die das Klischee „außen hui, innen pfui“ anscheinend zu ihrem Lebensmotto erklärt hat und sich als Bürgersfrau gab, während sie insgeheim drogenabhängig war und sechs Geschwistern, die jeder für sich Forderungen an Eltern und die Gouvernante stellten.

Die Gouvernante hatte – so scheint es – zwei Leidenschaften, ihren Glauben und die französische Literatur, an denen sie ihre Schutbefohlenen teilhaben ließ, was vor allem bei Georg auf fruchtbaren Boden fiel. Er begann, sich mehr für Literatur zu interessieren als für den Schulstoff und verließ mit 18 Jahren die Schule ohne Abschluss, dafür aber mit ersten Drogenerfahrungen, die er in den kommenden Jahren erweiterte, wozu ihm seine Tätigkeit in einer Apotheke und das pharmazeutische Studium gute Chancen boten. Während der ganzen Zeit hat Trakl kleine Dramen und Gedichte geschrieben, die allerdings vom Publikum damals nicht gerade begeistert aufgenommen wurden, seine Gedichte wurden sogar erst nach seinem Freitod mit einer Überdosis Kokain veröffentlicht.

Mit diesem Hintergrundwissen habe ich mich in die Gutenberg-Bibliothek begeben und die Gedichte überflogen, um zu sehen, bei welchem ich hängen bleibe. Das Gedicht „Grodek“, auf das bei Wikipedia verwiesen wird, habe ich gezielt gesucht, die anderen habe ich eher zufällig gefunden.

„Im Winter“ – puh, Raben, die in blutigen Gossen plätschern, ist jetzt nicht so mein Ding.

„Confiteor“ – kein Wunder, dass wir uns nicht verstehen würden, Trakl und ich, er sieht die „bunten Bilder, die das Leben malt“ „umdüstert nur“, während ich die Farbe sehe oder suche.

„Die schöne Stadt“ – damit könnte ich mich anfreunden. Obwohl „des Todes reine Bilder“ „aus den braun erhellten Kirchen“ schaun und die Glockenklänge „zitternd flackern“, singen immerhin helle Instrumente und schweigen alte Plätze sonnig.

„Winkel im Wald“ – och nee, schon wieder „des Todes reine Bilder“, dieses Mal schaun sie von Kirchenfenstern.

„Die Ratten“ – das gefällt mir nun, vielleicht weil es mich an Halloween erinnert oder an die Gruselgeschichten, die ich als Jugendliche gerne gelesen habe:

Im Hof scheint weiß der herbstliche Mond.
Vom Dachrand fallen phantastische Schatten.
Ein Schweigen in leeren Fenstern wohnt;
Da tauchen leise herauf die Ratten.

Und huschen pfeifend hier und dort
Und ein gräulicher Dunsthauch wittert
Ihnen nach aus dem Abort,
Den geisterhaft der Mondschein durchzittert.

Und sie keifen vor Gier wie toll
Und erfüllen Haus und Scheunen,
Die von Korn und Früchten voll.
Eisige Winde im Dunkel greinen.

„Rondel“ – daran mag ich die Form, weil ich es selbst liebe, durch Wort- oder Satzumstellungen einem Text eine andere Wirkung zu geben. Wenn also demnächst mal eines meiner Gedichte ein „Rondel“ ist, wisst ihr, wie ich darauf gekommen bin.

Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.

„Träumerei am Abend“ & „Romanze zur Nacht“– sehen für mich auf jeden Fall anders aus als in diesen Gedichten, Tote kommen allerhöchstens vor, wenn ich an meinen nächsten Krimi denke, aber nicht beim Abendspaziergang.

Hier habe ich aufgegeben und mich lieber mit eigenen Gedichten beschäftigt, auch wenn die wohl nie in den Lyrik-Kanon aufgenommen werden, weil sie nicht trist genug sind. Was mir allerdings aufgefallen ist: Außer Gold bzw. golden und blau sind mir kaum Farben begegnet. Habe ich nicht irgendwo gelesen, dass die Lyrik des Expressionismus besonders mit Farben spielt. Kaum hatte ich das geschrieben, las ich doch weiter und landete bei dem „Roten Laubwerk voll Guitarren“, den Mädchen mit dem „gelben Haar“, „braunen Schatten“ und den Spatzen, die sich „in grüne Löcher“ stürzen und fand die „purpurne Seuche“ damt“silberner Maske“ und „schwarzer Mauer“. Am Ende sind also doch alle Farben irgendwie da.

Mein Fazit trotzdem, Freunde werden Georg Trakl und ich nicht, dazu sind mir viele seiner Gedichte zu düster, aber ein wenig hat er mich inspiriert und ich werde vielleicht in einer ruhigen Stunde weiterblättern, dennoch bleibe ich lieber bei Erich Kästners „Gebrauchslyrik“ oder den Gedichten von Mascha Kaléko. © Birgit Ebbert

Wer mehr lesen möchte, dem empfehle ich diese Seite: www.georgtrakl.de