(29.07.2015) Kürzlich las ich, dass Vincent van Gogh heute vor 125 Jahren gestorben ist. Das hat mich doch überrascht. Irgendwie hätte ich ihn für jünger gehalten, aber ich habe nachgelesen, er wurde wirklich am 30. März 1853 geboren und ist am 29. Juli 1890 gestorben. Vermutlich habe ich schon beim Schulausflug nach Amsterdam im Rijksmusem erste Werke von van Gogh gesehen oder bei dem Besuch des Folkwang Museums mit der Klasse, von dem irgendwo noch eine Postkarte mit einer Abbildung von Signacs „Paris, Blick zur Ile de la Cité“ liegt. Aber daran kann ich mich nicht erinnern. Allerdings weiß ich noch, dass ich 1990 in der Ausstellung „Vincent van Gogh und die Moderne“ im Folkwang-Museum war. Damals waren solche Ausstellungen auch schon gut besucht, aber wir mussten nicht Schlange stehen und konnten bequem alle Werke anschauen. Es waren weniger die Themen der Bilder, die mich fasziniert haben, sondern die Geschichte des Künstlers und sein Stil. Was mich daran gefesselt hat, weiß ich nicht mehr, vielleicht die Dynamik, die für mich aus den Bildern sprach. Ich war immer ein Fan von Künstlern, deren Bilder nicht aussahen wie aus einem Bilderbuch, sondern irgendwie besonders erarbeitet.

Das Besondere an der Ausstellung war, dass neben den bekannten Bildern van Goghs wie den Selbstbildnissen und Kornfeldern auch Werke von Künstlern gezeigt wurden, die von ihm beeinflusst wurden. Laut dem Ausstellungskatalog, dem ersten in meiner Sammlung, wurden zum Beispiel von Claude Monet die „Pappeln“ gezeigt und von Paul Gauguin „Die blauen Bäume“ aus Charlottenlund.

Ich habe mir in der letzten Woche Zeit genommen, wieder in dem Katalog zu blättern und war verblüfft, zwei Künstler zu finden, die eine Beziehung zu Hagen haben: Henry van de Velde, Johan Thorn Prikker und Christian Rohlfs. Wie klein die Welt ist, nebenbei bemerkt fand in Hagen vor 110 Jahren (!) die erste Ausstellung mit Werken van Goghs in Deutschland statt. Karl Ernst Osthaus hatte damals bereits einige Kunstwerke von ihm gekauft und Kontakt zu Frau Cohen-Gosschalk-Bonger aufgenommen, die die Interessen der Familie van Gogh vertritt. Von ihr bekam er 1905 elf Gemälde zur Ansicht, die im September und Oktober öffentlich gezeigt wurden.

Van Gogh gilt heute als beliebtester Künstler, wenn man bedenkt, dass er die meisten Werke in den letzten zehn Jahren vor seinem Tod geschaffen hat, ist das schon erstaunlich. Aber es macht auch Hoffnung, finde ich. Er war übrigens Autodidakt und hat sich selbst an den Werken der alten Meister geschult. Von ihnen hat er, so las ich, auch das Prinzip des „premier coup“ übernommen, ein Bild nicht ständig zu übermalen oder zu überarbeiten, sondern in einem Zug zu malen und das Finetuning zu beschränken. Wenn ich doch einen Schriftsteller fände, der das genauso gehandhabt hat. Dann müsste ich mir nicht ständig anhören, ich sei eine „Vielschreiberin“, bloß weil für mich Texte oft nach dem ersten Schreiben fast fertig sind. Aber „premier coup“ merke ich mir 🙂

Interessant fand ich im Übrigen auch, dass in der Ausstellung, die ich besucht habe, eben auch Werke ausgestellt wurden, die ganz deutlich von van Gogh beeinflusst waren wie der „Bohnenschnitter“ von Jan Toorop, der van Goghs „Bauer mit Mütze“ sehr ähnlich sieht oder Henry van de Veldes „Landschaft mit Dämmerung“ von 1892, bei der man im ersten Moment denkt, es sei ein Bild von van Gogh. Bei Autoren würde da heute schnell von Plagiat gesprochen, ganz sicher gäbe es keine Lesung mit dem Original und dem inspirierten Text.

Am meisten aber hat mich bei der Durchsicht des Katalogs verblüfft, welche meiner „Lieblingskünstler“ ich in der Ausstellung gesehen habe, ohne dass ich mich bewusst daran erinnere wie Max Beckmann, Robert Delaunay, Otto Dix, Raoul Dufy, Max Ernst, Paul Gauguin, Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Piet Mondrian, Joan Miró, Claude Monet, Karl Schmidt-Rottluff. Von fast allen Künstlern habe ich seither Einzelausstellungen gesehen und von fast allen befinden sich, wenn sie nicht gerade auf Reise sind, im Osthausmuseum 350 Schritte von meinem Schreibtisch entfernt Kunstwerke. © Birgit Ebbert