Kleine Buchauswahl von Heinrich Böll(16.07.2015) Samstagnacht habe ich mich zufällig sehr spät auf Phoenix in ein Gespräch zwischen Heinrich Böll und Wolfgang Niedecken gezappt und dabei erfahren, dass Heinrich Böll genau heute vor 30 Jahren, am 16. Juli 1985, gestorben ist. Ich erinnere mich noch daran, dass ich die Nachricht auf meinem kleinen tragbaren Schwarzweiß-Fernseher im Studentenwohnheim in Bonn mitbekommen habe. Und ich weiß noch, dass ich sofort daran dachte, wie ich mir seine Bücher als 17-Jährige von meinem ersten Nachhilfegeld gekauft habe. Jeden Freitag bekam ich 15 Mark für zwei Nachhilfestunden und da meine Schülerin mitten in der Stadt lebte, bin ich sofort in die Buchhandlung und habe mir ein Buch gekauft.

Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Ich weiß noch, dass es mich aufgeregt hat, wie die Zeitung sich verhalten hat – und dabei war das, was Böll 1974 geschrieben hat, noch harmlos im Vergleich zu dem, was wir heute erleben.

Frauen vor FlusslandschaftWelches Buch ich danach gekauft habe, weiß ich nicht mehr. Anhand der Preise auf den Buchrücken vermute ich, das es „Wo warst du, Adam?“, „Der Zug war pünktlich“, „Irisches Tagebuch“ oder „Wanderer, kommst du nach Spa…“ waren. Ich habe nämlich zunächst die preisgünstigsten Bücher gekauft, schließlich musste ich mit meinen 15 Mark gut haushalten. Die erwähnten Bücher kosteten je 3,80 Mark, das war damals fast die Untergrenze, zwei Bücher gab es auch für 2,80 Mark, aber nicht von Böll. Leider habe ich die Bücher in einer Phase gelesen, als ich noch keine Anmerkungen mit Bleistift neben den Text gemacht habe. Deshalb kann ich heute nur vermuten, dass mich vor allem die Schilderungen des Kriegs bzw. des Alltags im Krieg interessiert haben. Vielleicht hat er sogar dazu beigetragen, dass ich die Panzer mit den Soldaten, die mir wegen der nahegelegenen Kaserne manchmal auf dem Schulweg begegneten, mit Abneigung betrachtet habe. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie Menschen aus und mit Spaß schießen können.

Niemands LandEin Buch steht übrigens zwischen Bölls Werken in meinem Regal, das ich für meine Dissertation verwendet habe, um mir einen Eindruck vom Leben in Nachkriegsdeutschland zu machen: „Niemands Land“. Autoren beschreiben dort, wie sie die Jahre 1945 bis 1949 erlebt haben. Sehr interessant, weit weg und doch so nah, das ist unglaublich. Mein Lieblingsbuch war übrigens „Frauen vor Flusslandschaft“, weil es in meinem Bonn spielte, zu der Zeit, als ich dort lebte. Wer weiß, möglicherweise hat das Buch schon den Keim für meine Ideen der Location-Krimis oder der „Geschichten mit dem Info-Tüpfelchen“ gelegt.

Wo ich das schreibe, fällt mir eine Bemerkung ein, die Böll in dem Interview gemacht hat. Er sagte, er glaube nicht, dass Literatur eine kurzzeitige Wirkung habe, aber er sei sich sicher, dass sie langfristig Veränderungen auslösen könne. Bei mir hat Literatur auf jeden Fall viel bewirkt, sicher mehr, als mir bewusst wird. Es lohnt sich direkt, mal darüber nachzudenken, aber jetzt lese ich erst – in Gedenken an Heinrich Böll – noch einmal „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder doch lieber „Frauen vor Flusslandschaft“. © Birgit Ebbert