Falsches Zeugnis - mein Krimi über Anne Frank(07.03.2016) In diesen Tagen jährt sich erneut der vermutete Todestag von Anne Frank. Ganz genau kennt man ihn nicht, sondern weiß nur, dass Anne Frank Anfang März 1945 gestorben sein muss. Vermutlich wurde deshalb auch der Filmstart der Verfilmung des Tagebuchs auf den 3. März gelegt. Als ich das mitbekam, fiel mir auf, dass mein Krimi „Falsches Zeugnis“ rund um das Tagebuch im letzten Jahr irgendwie untergegangen ist – bei mir lag es daran, dass ich so viele Projekte hatte, dass mir schlichtweg die Zeit fehlte, auf den Krimi rund um das Tagebuch von Anne Frank hinzuweisen. Und dabei habe ich so viel recherchiert, war im Familie-Frank-Zentrum und in Bergen-Belsen und habe vor allem so lange daran gearbeitet, meine fiktiven Tagebucheinträge über die letzten sieben Lebensmonate in Annes Stil zu verfassen. Die Fakten über ihre Zeit in Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen habe ich aus Interviews und Erinnerungen übernommen und mit Tagebucheinträgen von Frauen, die in den Lagern waren, abgeglichen. Das war nicht leicht zu ertragen, aber auch überraschend, weil es zeigte, wie die Lagerbewohner den Alltag bewältigt haben. Mir war das bis dahin unbekannt.

Vielleicht machen die beiden folgenden Auszüge aus meinem Buch neugierig auf die Geschichte über Anne Frank, die ich im Münsterland angesiedelt habe und in der wieder Bauingenieurin Karina Bessling ermittelt.

Meine fiktiven Beiträge über die letzten Wochen von Anne Frank

Freitag, 4. August 1944
Liebe Kitty!
Nun ist es also so weit. Ich verabschiede mich von dir, weil ich nicht weiß, ob ich noch einmal Gelegenheit habe, dir zu schreiben. In letzter Minute konnte ich Bleistifte, einige leere Hefte, die Bep vor Kurzem besorgt hat, und ein Buch in meine Tasche packen. Eines der Hefte trägt noch die Aufschrift ›Markenfrei erhältlich‹. Das Papier ist grau, leider nicht so schön weiß wie meine Hefte früher.
Und die Linien sind eng und schief, aber ich bin froh, dass ich es habe. Das Tagebuch habe ich zurückgelassen. In der Aufregung. Was geschehen ist? Um halb elf hörten wir, wie jemand von der Opekta aus den Drehschrank öffnete. Pim war oben bei van Pels, um mit Peter Englisch zu lernen. Wir wussten gleich, dass etwas nicht in Ordnung war. Wenn Miep, Bep, Herr Kleiman oder Herr Kugler kamen, waren sie immer leise und besorgt, dass niemand sie bemerkte. Jetzt waren unbekannte Männerstimmen zu hören, die herumbrüllten. Wie eine Horde Elefanten trampelten sie die schmale Treppe hinauf. Wir konnten nichts machen. Wohin sollten wir auch fliehen. Ich kam mir vor wie die Maus, die Moortje vor langer Zeit in eine Ecke unseres Speisezimmers gedrängt hat. Was wohl aus Moortje geworden ist? Ob sie es bei ihrer neuen Familie gut hat?
Vier Männer kamen herein, drei waren von der Polizei, der andere trug die Uniform der Gestapo. Sie brüllten uns an und wir mussten uns ruhig verhalten. Ein Mann ging weiter zu van Pels. Wenig später kam er mit Vater und Peter zurück. Er hielt eine Pistole in der Hand und fragte, wo die Wertsachen seien. Vater zeigte auf den Wandschrank, in dem er seine Kassette aufbewahrte. Der Mann nahm Papas Aktentasche, in der ich immer mein Tagebuch versteckte, schüttete sie aus und tat die Wertsachen aus der Kassette hinein. Mein Tagebuch und alle meine Notizen flogen herum.
Was mag aus dem Tagebuch werden? Der Nazi hat es nicht beachtet, er hat die Tasche ausgeleert und ist mit seinen Stiefeln über die Hefte und Blätter gegangen. Er hat mein Leben mit Füßen getreten. Ob Miep oder Bep das Tagebuch retten können? Von anderen Untertauchern wissen wir, dass nach der Verhaftung die Wohnung von einer Nazi-Spedition geräumt wird. Ach, Kitty, wenn sie meine Gedanken an dich lesen!
»Fertig machen!«, riefen die Männer und wir hatten nur wenige Minuten Zeit, unsere Sachen zusammenzusuchen. Zum Glück hatten wir schon lange ein Notköfferchen mit den wichtigsten Dingen gepackt. Und Brustsäckchen hatten wir uns genäht, um unser Geld mitzunehmen. Als wir fertig waren, sah einer von den Männern die Kiste, die Vater noch aus dem Krieg besaß. Pim unterhielt sich mit einem Mann und erzählte, dass wir seit zwei Jahren im Hinterhaus lebten. Der Gestapo-Mann wollte das nicht glauben. Vater hat ihm die Stelle gezeigt, an der er markiert hat, wie viel ich gewachsen bin. Meine Sammlung von Filmpostern und mein Tagebuch interessierten sie zum Glück nicht. Was heißt zum Glück? Ich musste alles zurücklassen und im Augenblick sieht es nicht danach aus, als würde ich meine Schätze jemals wiedersehen.
Wir mussten in einen Polizeiwagen ohne Fenster steigen. Die ganze Fahrt über hat keiner etwas gesagt. Jetzt sind wir im Hauptquartier des Sicherheitsdienstes in der Euterpestraße. Das hat mir einer der Polizisten zugeflüstert, als sie uns hier in einem Raum eingeschlossen haben. Von ihm weiß ich auch, dass wir besonders hart bestraft werden sollen, weil wir uns den Nazis vorenthalten haben. Was soll das heißen? Und was geschieht mit Herrn Kleiman und Herrn Kugler? Sie haben uns alle zusammen hier eingeschlossen – mit anderen Gefangenen. Pim flüstert Herrn Kleiman zu, wie leid es ihm tut, dass er unseretwegen hier sitzen muss. Herr Kleiman beruhigt ihn und sagt, dass er es nicht bereut, dass er uns geholfen hat. Doktor Dussel sitzt da wie eine Statue und starrt vor sich hin. Ich kann ihn verstehen. Seine Frau weiß nicht, wo er ist, und er weiß nicht, was aus ihr wird. Van Pels und wir sind zusammen. Er ist allein. Und keiner weiß, was werden wird. Ich habe Angst, aber ich bin froh, dass wir hier alle zusammen sind
Deine Anne

Samstag, 18. November 1944
Liebe Kitty!
Stell dir vor. Sie haben entschieden, im ganzen Lager am Samstag Kinderfeste zu organisieren. Tod und Feier direkt nebeneinander. Wer denkt sich so etwas aus? In jeder Baracke sieht das Fest anders aus. Es gibt kleine Theateraufführungen, Singkreise, Texte werden vorgetragen. So unwirklich und doch eine Abwechslung in dem fürchterlichen Alltag, in dem der Tod immer hinter einem steht.
Deine Anne aus der Unwirklichkeit

Mittwoch, 13. Dezember 1944
Liebe Kitty!
Stell dir vor, ich habe Nanny getroffen. Nanny Bitz. Sie war mit mir im jüdischen Lyzeum und an meinem letzten Geburtstag dabei. Damals, als wir den Film angeschaut haben, in dem Rin Tin Tin einem Leuchtturmwärter aus der Patsche hilft. Das scheint mir drei Leben her zu sein. Sie hat erzählt, dass Jacques gerettet wurde. Ach, vielleicht komme ich hier heraus. Dann werde ich ein Buch schreiben. Die Briefe an dich werden mir helfen, alles richtig zu beschreiben und zu erklären. Minister Bolkestein hat gesagt, solche Erinnerungen werden gebraucht und Menschen die schreiben wollen. Ich will. Gott, wenn es dich gibt, lass mich so lange durchhalten, bis der Krieg aus ist. Was mache ich dann ohne meine Eltern? Wenn meine Mutter lebte, wäre sie sicher mit Margot und mir nach Bergen-Belsen gebracht worden. Und Pim war 55, als wir nach Auschwitz kamen. Ich habe nur noch Margot.
Deine Anne

aus: Birgit Ebbert „Falsches Zeugnis“. (Kriminalroman rund um das Tagebuch von Anne Frank) Gmeiner 2015