(06.03.2015) Die Geschichte meines Krimis „Falsches Zeugnis“ ist frei erfunden – abgesehen von den Bezügen zu Anne Frank, die ich umfassend recherchiert habe. Aber die Idee der Tagebücher aus dem Konzentrationslager hat einen wahren Kern. Schon vor langer Zeit hatte ich das Tagebuch von Etty Hillesum über ihre Deportation gelesen und als ich in Bergen-Belsen war, habe ich gesehen, dass in der Gedenkstätte Tagebücher und Zeichnungen ausgestellt waren, die Menschen während der Lagerzeit erstellt hatten.

Für die Arbeit an den fiktiven Tagebucheinträgen aus Bergen-Belsen habe ich die Tagebücher von Renata Laqueur und Hanna Lévy-Hass gelesen, die ihre Gefühle, aber auch den Alltag im Lager beschreiben. Beide waren zur gleichen Zeit wie Anne Frank in dem Lager und Hanna Lévy-Hass beschreibt sogar die Ankunft der Gruppe, zu der Anne gehört hat, zumindest deckt sich das, was sie schreibt, mit dem, was in anderen Quellen über die letzten Monate Annes bekannt ist.

Am 6. November 1944 erwähnt Hanna Lévy-Hass: „Hier hat man die Ankömmlinge in Zelten untergebracht. Sie liegen auf einer dünnen Schicht Stroh, besser gesagt, direkt auf der feuchten Erde.“ Aber auch unabhängig von diesem Bezug vermittelt das Buch einen Eindruck von dem Lageralltag, von der unmenschlichen Behandlung, aber auch den kleinen Menschlichkeiten in diesem Umfeld, die ich bis zur Beschäftigung mit dem Thema nicht für möglich gehalten hätte. In meinem erfundenen Tagebuch lasse ich Anne Kinder betreuen, genau das beschreibt Hanna Lévy-Hass am 18. November: „Trotz allem geht die Arbeit mit den Kindern weiter. … Man hat beschlossen, im ganzen Lager die Samstage für Kinderfeste zu verwenden, die meist religiösen Charakter haben.“
Hanna Lévy-Hass war eine jugoslawische Jüdin und Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialisten, sie wurde 1944 im Alter von 31 Jahren nach Bergen-Belsen deportiert und überlebte die Zeit im Lager, die sie in ihrem Tagebuch in Auszügen festgehalten hat.

Renate Laqueuer war vom 15. März 1944 bis zur Befreiung in Bergen-Belsen. Ein Jahr zuvor wurde die niederländische Jüdin bereits das erste Mal verhaftet und im Gefängnis für politische Häftlinge inhaftiert. Einen Teil ihrer Erlebnisse in Bergen-Belsen hat sie im Tagebuch vom 19. März bis Weihnachten 1944 niedergeschrieben, danach war sie so krank, dass sie nicht schreiben konnte, diesen Teil hat sie nachträglich 1946 niedergeschrieben. Sie beschreibt sehr genau den Alltag im Lager, die Freuden, aber auch die Streitigkeiten, die Sorgen und vor allem die Ängste und ermöglicht so, sich ein Bild von dem Leben im Lager zu machen, denn viele Menschen haben Monate lang in den Lagern gelebt, teilweise gearbeitet, Kinder bekommen und manchmal sogar Feste gefeiert. © Birgit Ebbert

Renata Laqueur: Bergen-Belsen Tagebuch 1944/1945. Fackelträger 1989
Hanna Lévy-Hass:Tagebuch aus Bergen-Belsen 1944-1945. Hrsg. von Amira Hass. Beck 2009