(13. Dezember 2014) Nachdem ich vor einem Jahr zur Vorbereitung auf „Falsches Zeugnis“ viele Bücher von Überlebenden aus Auschwitz und Bergen-Belsen durchgearbeitet habe, nutze ich die Zeit jetzt, die restlichen Bücher aus meinem Recherche-Stapel zu lesen. Dazu gehören zwei Bücher von Kindern, die Theresienstadt überlebt haben: Inge Auerbacher und Helga Weissová. Die beiden Mädchen sind zwei von den 15.000 Kindern, die zeitweise in Theresienstadt eingesperrt waren und von denen nachweislich 123 überlebt haben. Beide Mädchen haben auf ihre Weise dafür gesorgt, dass das Leben der Menschen in diesem Lager nicht vergessen ist. Erst seit die Nazis diesen Ort für ihre Machenschaften genutzt haben, ist der Name untrennbar mit Leid und Tod verbunden. Dabei war die Festung 1780 ursprünglich von Kaiser Joseph II zu Ehren seiner Mutter, Kaiserin Maria Theresia ca. 60 Kilometer von Prag erbaurt worden.

Inge Auerbacher wuchs in einer kleinen Stadt am Rand des Schwarzwalds als einziges Kind eines angesehenen Textilgeschäftbesitzers auf. Die Auerbachers gehörte zu den rund 60 jüdischen Familien in dem kleinen Ort mit knapp 500 Familien. Seit 200 Jahren lebten Juden in diesem Ort – scheinbar akzeptiert. Das hinderte die Mitbürger nicht daran, am Tag nach der Reichspogromnacht Inges Vater und Großvater zu verhaften und die Scheiben von Geschäft und Privatwohnung mit Steinen einzuwerfen. Damit begann die Leidensgeschichte der Familie, die mit der Befreiuung des Konzentrationslagers Theresienstadt durch die Alliierten ihr Ende fand.

Inge Auerbacher schildert im Rückblick, wie sie die Zeit vor der Deportation und den Aufenthalt in Theresienstadt erlebt hat. Ein erschütternder Bericht, der dadurch, dass er für Kinder aufgeschrieben wurde, viel über die Details in dem Lager verrät, aber auch darüber, wie Kinder und Eltern versucht haben, unbeschwerte Momente zu verschaffen.

Die Zeichnungen von Helga Weissová sind fast so etwas wie Illustrationen zu den Erinnerungen Inge Auerbachers. Helga hat schon immer gezeichnet und es geschafft, ihre Malsachen mit in das Lager zu nehmen. So wie Inge Auerbacher es die ganze Zeit gelang, ihre Puppe Marlene zu retten, blieben auch die Malutensilien der 12-jährigen Helga unangetastet.

Nachdem Helga ihrem Vater ein gemaltes Bild in dne Männerbaracke geschmuggelt hatte, forderte er sie auf, keine Fantasiebilder mehr zu zeichnen, sondern das, was um sie herum vorging. „Zeichne, was du siehst“, lautet denn auch der Titel des Buches, in dem 62 Zeichungen von Dezember 1941 bis zur Befreiung des Lagers im Mai 1945 abgebildet sind. Sie zeigen den Alltag in der Dresdener Kaserne, in der das Mädchen mit der Mutter untergebracht war. Auch wenn er nicht in allem übereinstimmt, mit dem, was Inge Auerbacher erlebt hat, ergeben beide Bücher zusammen doch einen authentischen Eindruck davon, was Kindheit für jüdische Kinder vor 70 Jahren bedeutete.

Die Bücher sind aber auch Dokumentationen ihrer Zeit, das wird an dem Beispiel der Lager-Inspektion durch das Internationale Rote Kreuz deutlich. Inge Auerbacher beschreibt, welche Anstrengungen die Lagerleitung unternahm, um das Lager für die internationale Kommission vorzeigbar zu machen – Helga Weissová zeigt auf einem Bild, wie die Kontrolleure ins Lager kommen. © Birgit Ebbert

Inge Auerbacher: Ich bin ein Stern. Beltz& Gelberg 9. Aufl. 2014

Helga Weissová: Zeichne, was du siehst. Wallstein Verlag 2. Auflage 2008