(16.08.2021) Die Schlossspiele Hohenlimburg 2021 zeigen zum Start in diesem Jahr die ganze Bandbreite des Lebens. Nach der Open-Air-Präsentation von „Der Junge muss an die frische Luft“ am Freitag ging es am Samstagabend bei der Schauspielpremiere mörderisch zu. „Arsen & Spitzenhäubchen“ stand auf dem Programm, eine Komödie, die 1939 Josef Kesselring für die Bühne am Broadway geschrieben und 1941 von Frank Capra nach einem Drehbuch von Julius L. Epstein mit Cary Grant für die Leinwand adaptiert wurde.

Die Geschichte von Arsen & Spitzenhäubchen

Es heißt, dass Josef Kesselring, als er das Stück schrieb, keine Komödie vor Augen hatte, sondern ein ernstes Schauspiel. Aber wie das Autorenleben so spielt, machten sich die Figuren rund um die ältlichen Brewster-Schwestern selbstständig und eine Komödie mit überraschendem Ausgang entstand. Ich weiß, dass ich den Film als Jugendliche gesehen habe und hatte sogar noch zwei Szenen vor Augen. Aber das ist lange her und so wusste ich tatsächlich nicht mehr, wie die Geschichte ausgehen würde und habe mitgefiebert, ob es für Mortimer Brewster ein Happyend geben würde.

Besagter Mortimer lebt nämlich mit seinen beiden Tanten und einem Bruder zusammen auf dem Familienbesitz, er ist ein angesehener Theaterkritiker und hat soeben seiner großen Liebe Elaine einen Heiratsantrag gemacht. Der Himmel könnte also voller Geigen hängen, wären da nicht sein verrückter Bruder Teddy, der sich für den Präsident der USA hält, und die beiden Tanten mit ihrer mörderischen Leidenschaft für einsame Seelen. Als wären diese nicht schon genug Salz in seiner Lebenssuppe, taucht unversehens eines Nachts der verschollene Bruder Jonathan auf. In Begleitung des zwielichtigen Doktor Alfred Einstein stellt er Ansprüche an den Familienbesitz, der sich seiner Vorstellung nach hervorragend für ein Sanatorium eignen würde, in dem sich die Menschen ihr Gesicht operieren lassen können. Er ist schließlich Experte, hat Dr. Einstein ihn doch so verändert, dass selbst die Verwandtschaft ihn nicht erkennt.

Die Inszenierung im Schlosshof

Ein verrückter und ein krimineller Bruder und zwei Tanten, die einen mordsguten Holunderwein brauen – kein Wunder, dass es rund zweieinhalb Stunden dauert, die Geschichte auf der Bühne zu erzählen. Ein großes Kompliment an die Darsteller, die nicht wie wir ZuschauerInnen bequem bei einem Getränk auf dem Stuhl sitzen konnten, sondern denen textlich und schauspielerisch einiges abverlangt wurde. Aber es saß und die Standing Ovations am Ende waren mehr als verdient. Jan Philip Keller nahm einen durch sein Spiel mit in die Gemütslage des verzweifelten Neffen, der nicht weiß, ob er sich mehr um seinen Bruder Teddy, die Tanten oder sein Leben mit Elaine sorgen soll.

Aber Elaine lässt sich nicht so leicht abschütteln, Karolin Kersting verleiht ihr eine wunderbare Mischung aus zurückhaltender Braut, wie man sie sich für die 40er Jahre vorstellt, und selbstbewusster junger Dame, die sich die Butter nicht vom Brot bzw. den Ehemann nicht von den Verhältnissen nehmen lässt. Im Mittelpunkt aber stehen die Schwestern Abby und Martha Brewster von Beate Wieser und Maria Liedhegener herrlich schrullig mit starkem Willen in Szene gesetzt. Den starken Willen brauchen sie aber auch, um ihren Neffen Teddy „Ich-bin-Präsident-Roosevelt“ zu ertragen, in Schach zu halten und zu instrumentalisieren, so schön verrückt gespielt von Stefan Schroeder, der extra für die Inszenierung Trompete spielen gelernt hat, also ein paar Töne, aber die Sorgen zusätzlich für Stimmung.

Schon diese fünf Personen hätten mich sich genug zu tun, zumal da ja auch noch Elaines Vater ist, Pastor Harper, dem Detlef Schäkermann eine gemütvolle Note verleiht. Doch dann taucht unversehens Jonathan Brewster auf, dem Simon Jakobi durch Aussehen (mit Narben einer wenig gelungen Operation geschminkt von Silke Hank), Mimik, Gestik und Stimme einen unheimlich-bösen Charakter verleiht. Und er kommt nicht alleine, sondern wird von Dr. Alfred Einstein begleitet, den Dario Weberg zu einem skurrilen Mafioso-Kriminellen umsetzt. Wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, gehörte nicht Dorfpolizist Brophy, dessen Hang zum Dramatiker und natürlich dessen Amtsverständnis Sven Söhnchen mit einem Augenzwinkern darstellt. Er wird unterstützt von seinem Kollegen Klein, dem Marvin Bittner das Pflichtgefühl eines echten Polizisten verleiht. Eine turbulente Komödie, die viel Anlass zum Lachen, Lächeln, Schmunzeln und Grinsen gibt, aber auch zum Aufhorchen einlädt, worüber der Autor vor 80 Jahren bereits nachgedacht hat. Ein Glückwunsch an Dario Weberg für die Auswahl des Stückes und Indra Janorschke für die Regie. Ui, fast hätte ich vergessen, dass das Stück untermalt wurde durch Live-Musik von Martin Brödemann. Viel Spannung und Spaß allen, die noch in den Genuss von Karten für die letzten vier Vorstellungen kommen! © 2021 Dr. Birgit Ebbert, www.birgit-ebbert-blog.de

Weitere Informationen dazu, ob es noch Karten gibt und was die Schlossspiele sonst noch bereithalten, finden sich auf www.schlossspiele.de

Noch einige Fotos, weil ich mich nicht entscheiden konnte 🙂