(11.03.2021) Ich muss gestehen, dieser Roman von Felicity Whitmore alias Indra Janorschke ist ein Corona-Opfer, also mein Corona-Opfer, ich habe es nicht für Corona geopfert, sondern weil Corona ist, ist es unter die Räder, äh, Bücher geraten. Dabei habe ich es schon am Wochenende nach dem Erscheinen im November verschlungen und es hat mich daran erinnert, dass man mit Büchern wunderbar seinen Frust über die Menschheit in der Pandemie vergessen kann. Falls ihr also solche ein Buch braucht, zum Wegtauchen, nehmt den „Faden der Vergangenheit“.

Zur Geschichte des Buches …

Oberstaatsanwältin Melody Stewart hat einen neuen Job, der sie in den Ort führt, in dem ihre Vorfahren gelebt haben. Vier Jahre sind vergangen, seit sie dort einen Herrensitz geerbt hat, in dem sie nun ihren Zweitwohnsitz einrichtet, während ihr Mann mit den beiden Töchtern weiterhin in London lebt. Keine leichte Situation, denn ihr Mann findet es völlig unangemessen, dass seine Frau der Karriere wegen nach Stockmill zieht, was er sie ständig spüren lässt. Und Abigail’s Place, das Haus ihrer Vorfahren, ist auch nicht gerade die Zweitwohnung, die man sich wünscht, es steht seit 180 Jahren leer und lässt die Annehmlichkeiten moderner Wohnungen vermissen. Das einzige Highlight in diesem Umfeld ist der sympathische Inspektor Daniel Rashleigh, mit dem Melody an einem Fall zusammenarbeitet, und der in der Nähe wohnt. Er begleitet Melody auf die Entdeckungsreise durch das alte Haus, zu dem er auch deshalb eine besondere Beziehung hat, weil einer seiner Vorfahren in der Firma gearbeitet hat, zu der Abigail’s Place gehört. So ist er dabei, als Melody ein Tagebuch von Lady Abigail Hampton findet, das sie ins Jahr 1841 versetzt und viele offene Fragen hinterlässt. Gemeinsam machen sich Melody und Daniel auf die Suche nach Antworten.

… und wie wir den Faden der Vergangenheit lesen

Natürlich verrate ich hier nicht, welche Fragen und Antworten Melody und Daniel beschäftigen. Nur soviel, sie sind spannend, erschreckend, faszinierend und führen einem auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arm und Reich in England Mitte des 19. Jahrhunderts vor Augen. Da musste ich manchmal schlucken. Die Geschichte wird nämlich in zwei Handlungssträngen erzählt, dem einen rund um Melody mit ihrer Familie und Daniel und dem anderen rund um Lady Abigail Hampton, deren Name auch der Titel der Trilogie ist: „Die Frauen von Hampton Hall“. Auch wenn viele Fragen am Ende des Buches beantwortet sind, bleiben einige offen und ich bin gespannt, wie es weitergehen und was Melody sonst noch aus der Vergangenheit zutage fördern wird. In jedem Fall ein spannendes Buch, das genau in einen Samstag passt – wenn man morgens aus dem Bett auf die Couch umzieht und sonst nicht viel vor hat

Und bis Band zwei der Trilogie muss man auch nicht bis zum Herbst warten , er erscheint bereits am 23. Juli: „Die Straße der Hoffnung“.

Während der Lektüre von „Der Faden der Vergangenheit“ hat sich mir eine Frage aufgedrängt, die ich Indra gestellt habe – zusammen mit zwei weiteren, die mir so nebenbei in den Sinn kamen.

1. Wie verkraftest du es, Geschichten über Frauen zu schreiben, die schlecht behandelt werden?
Ich habe mal gelernt: „Überlege dir immer, was das absolut Schlimmste ist, was deiner Figur passieren kann und das lässt du geschehen. Da muss die Figur wieder rauskommen und dann hast du eine Handlung.“ Aber es stimmt schon, da muss man erstmal mit klar kommen, seinen eigenen Figuren weh zu tun. Aber ohne Problem hat man ein Problem. Dann kommt nämlich keine Spannung auf. Außerdem bin ich der Meinung, dass man aus der Geschichte lernen kann und ich thematisiere ja immer wieder sehr gerne die Rechte der Frau im 19. Jahrhundert, bzw. das Nichtvorhandensein dieser Rechte. Und auch heute gibt es noch genug Bereiche, in denen Frauen nicht gleichberechtig mit Männern sind. Ich finde, man kann nicht oft genug darauf hinweisen.

2. Wonach wählst du die Namen für deine Figuren aus?
Da bin ich tatasächlich ziemlich pragmatisch. Ich denke nicht lage über Namen nach, sondern nehme einfach den erstbesten, der mir einfällt. Manche Namen höre ich aber und mag sie sofort. Die verwahre ich mir dann für zukünftige Protagonisten. Wie z.B. Melody.

3. Wie schreibt man eine Trilogie? Direkt die ganze Geschichte am Stück, die dann in drei Teile „gehackt“ wird? Oder drei einzelne Geschichten?
„Die Frauen von Hampton Hall“ ist ja meine erste Trilogie. Ich hatte am Anfang einen ganz groben Plan, den ich aber mehr als einmal über den Haufen geworfen habe. Jeden Band einzeln habe ich sehr sorgfältig geplottet, aber die Handlung des ersten Buches hatte Einfluss auf die des zweiten, sodass ich von meinem ursprünglichen Plan wieder abgewichen bin. Ebenso war es mit dem zweiten in Bezug auf den dritten.

Vielen Dank, Indra-Felicity. Eigentlich rezensiere ich im Blog keine Bücher mehr, da ich aber Indras Werk und Karriere vom ersten Tag miterlebt habe, mache ich eine Ausnahme. Hier sind die Artikel zu den früheren Büchern.

Das Herrenhaus im Moor (2019)

Die vergessenen Stimmen von Chastle House (2018)

Der Klang der verborgenen Räume (2017)