(16.01.2021) Gerade habe ich das Buch „Fast Girls“ von Elise Hooper, übersetzt von Annette Hahn, weggelegt und das dringende Bedürfnis, es allen Menschen zu empfehlen. Ich habe das Buch zufällig in der Buchhandlung entdeckt und ausgewählt, weil es um die olympischen Spiele 1936 gehen sollte, die in meinem Roman über Herti Kirchner vorkommen. Es ist ein Buch über drei amerikanische Sportlerinnen, die bei den olympischen Spielen Gold in der 3×100-Meter-Staffel holten und jede ihre eigene besondere Geschichte hat. Zunächst war ich irritiert, dass die Erzählung 1928 begann und dann hat mich das Buch so gefesselt, dass ich noch nachts den ersten Teil verschlungen habe und froh war, dass am Sonntag kein Sonnenschein war und ich auf der Couch bleiben konnte, bis ich es ausgelesen hatte. Eine spannende Geschichte, die uns alle demütig stimmen sollte und sich immer als Lektüre empfiehlt, aber besonders jetzt, wo wir jeden Tag von neuem mit dem Virus und seinen Auswirkungen umgehen und kämpfen müssen.

Der Roman „Fast Girls“

„Fast Girls“ (rütten & loening 2021) ist ein Roman rund um drei amerikanische Sportlerinnen, er orientiert sich an den biografischen Eckdaten, soweit Elise Hooper sie ermitteln konnte.

Da ist zum einen Helen Stephens, die aus einfachen Verhältnissen stammt und lange mit sich gehadert hat, weil sie durch ein Mal auf der Stirn hässlich vorkam und dazu noch deutlich größer als die gleichaltrigen Kinder war. Ihr Weg zu den Spielen1936 war mühselig, in Berlin wurde dann noch das Gerücht in die Welt gesetzt, sie sei ein Mann – ob von einer Konkurrentin oder den Nationalsozialisten ist nicht letztlich geklärt. Ihrer Biografie zufolge hat sie sich zumindest bei Hitler nicht beliebt gemacht, der sie zudem noch – wie man heute sagen würde – sexuell belästigt hat.

Betty Robinson war 1928 die erste Frau, die eine Goldmedaille im 100-Meter-Lauf gewann. Ihren Titel konnte sie 1932 nicht verteidigen, nachdem sie bei einem Flugzeugabsturz schwer verletzt war und lange Zeit brauchte, ehe sie wieder Gehen und Laufen konnte. Sie schaffte es mit eisernem Willen 1936 in die 4×100-Meter-Staffel, die in Berlin die Goldmedaille erlief.

Schließlich ist da Louise Stokes, eine schwarze Läuferin, die bei der Aufnahme in den Olympia-Kader gleich doppelt kämpfen musste – als Frau und als Schwarze. Sie war bereits 1932 in Los Angeles nominiert und angereist, wurde aber nicht für die Staffel aufgestellt. Doch sie gab nicht auf, reiste 1936 in Berlin mit ihren Kolleginnen an und wurde wieder nicht für die Staffelmannschaft nominiert.

Das Besondere an dem Roman ist, dass er den Werdegang der Frauen ab 1928 erzählt, sodass die Leser:innen mitbekommen, welche Hindernisse sie zu überwinden haben – als Frauen, als Schwarze, als Arme. Es ist teilweise kaum zu ertragen, was die Frauen erleben und erleiden mussten – auch wenn manches die realen Frauen vielleicht nicht genau so erlebt haben, kann man sich gut vorstellen, dass dies ihnen oder anderen Frauen in jener Zeit passiert ist. Die Diskussion darüber, ob Frauen überhaupt an olympischen Spielen teilnehmen dürfen, ist verbrieft und schnell überall nachzulesen. Wie ich ohnehin manches Mal, das Buch beiseite und das Laptop aufgeklappt habe, um zu überprüfen, was Wirklichkeit und Fiktion war – ich glaube, es war dann immer Wirklichkeit.

Lektüre für die Pandemie

Während ich das Buch gelesen habe, musste ich oft an unsere Zeit denken und daran, dass sich heute viele Menschen beruflich neu erfinden müssen, um durch die Pandemie zu kommen. Das lag auch daran, dass die Lebensläufe der drei Frauen auch geprägt waren durch die Folgen des Börsencrash in den USA im Oktober 1929 – die Eltern der jungen Frauen wurden arbeitslos und verloren ihren Besitz, die Folgen in den Familien und im ganzen Land waren noch viele Jahre zu spüren. Dennoch hat Amerika es geschafft, aus dem Tal herauszukommen – vielleicht lag es daran, dass ich gestern mit einem Freund darüber gesprochen habe, dass sich die Pandemie auch langfristig auswirken wird, dass ich beim Lesen dachte, ja, aber irgendwann wird es wieder aufwärts gehen. Und wenn man liest, wie es damals in den USA war, da geht es uns heute gut, es gibt Branchen, die boomen, und andere, die vom Staat unterstützt werden, und auch sonst Möglichkeiten der Förderung. Ähnlich dachte ich immer wieder, wenn es um die drei Frauen ging – ja, Menschen ohne Impfung dürfen heute nicht alles, aber es ist absehbar, dass ich das ändert, sobald die Pandemie abflaut, worauf die meisten Menschen hinarbeiten. Das war für Frauen und Schwarze damals anders – neben der Diskriminierung wegen der Hautfarbe fand ich es beim Lesen unfassbar, dass Frauen bei der Heirat aufhören mussten in ihrem Beruf zu arbeiten. Deshalb denke ich, das Buch erdet einen wieder einmal und es erinnert daran, dass unsere Vorfahren auch schon Krisen überstanden haben und zwar nicht so komfortabel wie wir heute, wo wir weiter an unseren Träumen und Talenten arbeiten können. Ich habe in den letzten zwei Jahren wirklich viele Bücher gelesen, von denen ich einige außerordentlich fand, aber dieses führt mein Ranking mit Abstand an. Übrigens auch deshalb, weil in einem Nachwort erklärt wird, was aus den Frauen geworden ist und auf der Basis welcher Quellen das Buch entstanden ist, da habe ich einige Romanbiografien gelesen, in denen ich darüber nichts erfahren habe. © 2022 Dr. Birgit Ebbert www.birgit-ebbert-blog.de

Einige Links während meiner Lektüre