(16.05.2022) Am Samstag fand wieder mein Schreibtreff im Rahmen von Schreibland NRW in der Stadtbücherei Hagen statt. Seit dem Januar treffen sich zwischen 10 und 18 junge AutorInnen alle zwei Wochen samstags in der Bücherei, um gemeinsam zu schreiben, sich ihre Geschichten vorzulesen und Freundschaften mit Gleichgesinnten zu schließen. Ich gebe jeweils eine Schreibanregung vor und bin immer wieder erstaunt, welche tollen und unterschiedlichen Geschichten daraus entstehen.

Nebenbei-Eindrücke vom Samstag

Über das Treffen am Samstag habe ich noch lange nachgedacht, weil es so viele besondere Eindrücke gab, die ein interessantes Bild von Kindern bzw. Jugendliche von 11 bis 15 Jahren vermitteln.
Es fing damit an, dass bis auf zwei Kinder alle mit Mund-Nasen-Schutz kamen, obwohl das in der Bücherei nicht mehr nötig war – zu ihrem eigenen Schutz und zu dem der anderen. Lediglich ein Mädchen hatte keine Maske dabei, aber da konnte ein anderes aushelfen. (Ich hatte darum gebeten, dass am Tisch alle Maske tragen.) Als wir darüber sprachen, wie lange die Pandemie schon dauert, waren manche erstaunt, dass sie uns bereits seit zwei Jahren beschäftigt und ein Mädchen wusste noch genau, seit wann es die Maskenpflicht gab, weil die im April 2020 einen Tag vor ihrem Geburtstag begann. Die meisten Kinder waren übrigens wie ich noch immer irritiert, dass man den Eindruck hat, es gäbe das Virus nicht mehr. Ich war etwas beruhigt, dass meine Wahrnehmung dann wohl keine Frage des Alters ist. Nebenbei erfuhren wir, dass eines der Mädchen am 7. Mai im Chor bei „Symphonic Floyd“ in der Westfalenhalle mitgesungen hat – ihr Kommentar zu dem Konzert: „Das war so schön!“ (Ein Gruß an Green und das Orchester vom TheaterHagen 😊)

Schreiben im Schreibtreff

Mein Schreibinput am Samstag war ein kleiner Text, den ich vor einigen Jahren geschrieben habe: „Leilas Haarband“. Den Text hatte ich zerschnipselt und die Aufgabe lautete, daraus beliebig viele Wörter auszuwählen für einen eigenen Text. Ich mag solche Anregungen, die viel Raum lassen – manche Kinder haben den Text zusammengepuzzelt, andere haben nur einige Wörter ausgewählt und ein Junge hat seine ganz eigene Technik entwickelt. Er hat drei Nomen ausgewählt und diese in sein Übersetzungsprogramm eingegeben, sie mindestens zehnmal immer wieder in andere Sprachen und am Ende ins Deutsche übersetzt. Letztlich hatte er dann „nur“ drei andere Nomen, aber die Idee fand ich schon außergewöhnlich. In dem Text, den er als „Nonsens-Text“ bezeichnete, hat er den Ukraine-Krieg verarbeitet und endet mit „nutiP ist Satan.“ Amüsiert, eher fasziniert hat mich die Geschichte eines Mädchens, in der es um zwei Freundinnen ging; eine der Freundinnen durfte kein Handy besitzen und nun musste dieses Mädchen mit den Eltern wegziehen. Die zweite Freundin hatte schließlich die Idee, dass sie sich Briefe schreiben könnten, um in Kontakt zu bleiben. Irgendwie verrückt, aber auch toll, dass dann doch der gute alte Brief als Lösung auftaucht. Die anderen Geschichten waren ganz unterschiedlich, einmal wurde das Haarband sogar zu einem Lebewesen. Einige der Kinder schreiben übrigens an längeren Texten, sie arbeiten teilweise meinen Schreibinput ein.

Ich bin jedes Mal begeistert über die Kreativität und auch die Qualität der Geschichten und freue mich, dass in diesem Jahr durch die frühen Sommerferien im zweiten Halbjahr Zeit für einen zweiten Schreibtreff im Rahmen von Schreibland NRW gibt und die Kids sich darüber ebenfalls freue. Aber noch ist diese Runde nicht beendet, bis zur Abschlussveranstaltung am 11. Juni ist ja noch etwas Schreibtreffzeit 😊 Es wird übrigens die sechste Abschlussveranstaltung sein, es ist so toll, dass ich dieses Projekt realisieren darf* und dabei so tolle Kinder und Jugendliche kennengelernt habe und kennenlerne.  © 2022 Dr. Birgit Ebbert www.birgit-ebbert-blog.de

*Wie besonders es ist, ist mir klar geworden, als mich in Nürnberg eine Mitarbeiterin des Deutschen Kunstarchivs fragte, ob ich eine Idee hätte, wie man ihre Nichte, die wirklich tolle Texte schreibe, fördern könnte. Eigentlich sollte es solche Schreibtreffs überall geben, als Treffpunkte für Kinder und Jugendliche, die gerne schreiben. Deutschunterricht kann für sie förderlich sein, aber Kinder, die gerne schwimmen, singen, Fußball spielen, musizieren …, bekommen auch Möglichkeiten, sich außerhalb der Schule mit Gleichgesinnten zu treffen und ohne Notendruck ihrer Leidenschaft nachzugehen!