(19.11.2021) Heute ist wieder Vorlesetag, in vielen Institutionen lesen dann Prominente oder Nicht-Prominente Kindern aus ihren Lieblingsbüchern und manchmal auch aus ihren eigenen Büchern vor. Für mich ist in diesem Jahr der November sogar ein Vorlesemonat und damit ein Geschenk des Universums, des Schicksals oder von wem auch immer, denn ich liebe es vorzulesen.

Vorlesen ist mehr als Lesen

Vielleicht liegt es daran, dass Vorlesen für mich mehr ist als Lesen, es ist Erzählen, Fragen, Informieren, Fantasieren – je nach Zielgruppe und Buch oder Geschichte, die der Vorleseaktion zugrunde liegt. Lese ich für Erwachsene zum Beispiel aus meinem Roman „Brandbücher“, streue ich Informationen über die Bücherverbrennung ein und Erlebnisse bei der Recherche bzw. aktuelle Entwicklungen zum Thema. Bei den Lokalkrimis ist immer ein Thema, dass manche Orte schon nicht mehr existieren, ich plaudere aus dem Nähkästchen, wie ich auf die Idee zu Mord und Totschlag kam und verrate manchmal sogar, wen ich beim Opfer im Kopf hatte Die Seniorengeschichten sind immer verbunden mit Gesprächen über eigene Kindheits- und Jugenderinnerungen, da gehe ich oft mit einem gedanklichen Sack voller Ideen nach Hause. Und die Lesungen für Kinder sind immer eine Wundertüte – natürlich habe ich eine Geschichte dabei und Fragen, die ich den Kindern stellen möchte. Aber je nach Alter der Kinder verwerfe ich die spontan und manchmal erfinden wir sogar neue Abenteuer mit meinen Figuren.

Vorlese-Erlebnisse der letzten Tage

Stimmt: „Nebel ist eine Wolke auf der Erde!“ Zitat eines jungen Zuhörers bei der Lesung

In diesem Monat hatte ich besonders viele Lesungen für Kindergartenkinder – so knuffig. In den gemischten Gruppen mit Kindern von 2 bis 6 habe ich das Erzähltheater „Ein Jahr mit Fridolin“ (Kaufmann Verlag) gelesen bzw. Auszüge daraus. Die Kinder konnten die großen Bilder dazu anschauen und da ich mich wegen der Pandemie nicht zwischen sie setzen konnte, haben wir einen Weg gefunden, dass sie in kleinen Gruppen zu mir (mit Maske) kommen konnten, um sich die Bilder ganz genau anzusehen, denn die Kastanie aus dem Oktober ist von weitem wirklich nicht zu erkennen. Sehr amüsant war, dass einer der ganz kleinen immer fleißig auf das Bild tippte bzw. darüber wischte, als nichts passierte zog er in der ersten Guckrunde wieder ab, kam aber zur zweiten Guckrunde wieder – ohne zu tatschen Fasziniert hat mich, dass ein Kind von weitem (!) ein Detail, eine Schlange nämlich, auf einem Bild entdeckte, die mir bisher nicht aufgefallen war

Während ich vorlese, beobachte ich die Kinder und wenn ich denke, sie verstehen ein Wort nicht, ersetze ich es oder frage nach. So war ich mir nicht sicher, ob die ganz kleinen wussten, was Nebel ist. Manche konnten mit dem Wort tatsächlich nichts anfangen, aber ein Kleiner hatte eine klare Definition, die ich so schön finde: „Nebel ist eine Wolke auf der Erde.“ Damit ist doch alles gesagt, oder?

Den größten Spaß hatten die Kinder bei einer Stelle, die überhaupt nicht in der Geschichte vorkommt – ich guckte auf das Bild und stellte fest: „Oh, Fridolin sitzt ja mit dem Popo fast im Teich.“ Die Kinder kriegten sich überhaupt nicht wieder ein und steckten auch die Erzieherin und mich an. Da denkt man sich spannende Geschichten aus und dann reicht ein Satz, um 20 Kinder zum Prusten zu bringen

Mein Vorlesetag 2021

Zwischenstation: Vorlesen als Patentante 🙂

Am Vorlesetag bin ich in Hagen in einer Literatur-Kita eingeladen. Zuerst lese ich den Kindern aus meinem „Vorlese- und Aktionsbuch zum Schulstart“ eine Geschichte über Freundschaft vor und anschließend den Eltern dieselbe Geschichte, um ihnen an dem Beispiel einige Tipps fürs Vorlesen zu geben. Außerdem haben Eltern und Kinder dann gleich ein Gesprächsthema, wenn sie nach Hause kommen. Damit die Eltern auch noch eine „neue“ Geschichte bekommen, habe ich für sie aus meinem Buch „Sinnesgeschichten“ eine Herbsterzählung ausgesucht.

Meine Vorlese-Biografie

Als ich Fotos für diesen Beitrag suchte, ist mir als erstes das Foto von einem Artikel in die Hände gefallen, der ca. 20 Jahre als sein muss. In der „Bild der Frau“ habe ich damals Tipps rund um das Vorlesen gegeben. Das Thema kam auch in meinem allerersten Vortrag im August 1987 vor, in meiner allerersten Veröffentlichung, damals für das Kreisjugendamt Borken, die leider nicht erschienen ist, und im letzten Jahr – kurz vor der Pandemie – durfte ich sogar eine Fortbildung geben zum „Vorlesen in der Pflege“, dazu ist 2020 auch ein kleiner Expertentipp „Vorlesen pflegt die Erinnerung“ in der Zeitschrift „Aktivieren“ erschienen. Begonnen hat meine Liebe zum Vorlesen als Zuhörende, davon gibt es sogar ein Beweisfoto und geübt habe ich das Vorlesen als Jugendliche in Gottesdiensten, als ich entweder die Fürbitten oder die Lesung vorgetragen habe. Wenn ich es recht bedenke, wollte ich wohl auch deshalb Schriftstellerin werden, weil ich sooo gerne vorlese. Deshalb ist der Vorlesemonat wirklich ein Geschenk.

Diese Karte habe ich für die Eltern als Mitnehmsel und Gedächtsnisstütze erstellt 🙂