Die Idee zu diesem Projekt hatte ich vor fünf oder sechs Jahren auf Baltrum. Ich erinnere mich gut daran, wie ich zuerst in der Bibliothek des kleinen Hotels sämtliche Nachschlagewerke nach außergewöhnlichen historischen Ereignissen durchsucht habe und dann in der Gaststube saß mit meinem Internetstick, weil ich in meinem Zimmer keinen Empfang hatte. Immer wieder kam der Gastwirt vorbei und fand, dass man Urlaub doch nicht am PC verbringen könne. Bis zu meiner Abreise hat er nicht verstanden, dass es für manche Menschen Urlaub ist, wenn sie ohne Termine und Zeitdruck an einer Idee arbeiten können.

Das Bild zum Projekt

Seither schlummert das Projekt im PC und in realen Ordnern. Im Sommer 2017 habe ich es wieder in Angriff genommen, die Domain www.zeitenlese.de reserviert und mir Gedanken über ein Plakat zum Projekt gemacht. Dann kamen der Umzug meiner Mutter, der Hausverkauf, Auftragsprojekte und die Krankheit vom Uwe Lex, dem Hagener Künstler, der das Plakat zeichnen sollte. Immerhin konnte ich mit Uwe noch vor seinem Tod besprechen, dass sein Bild vom fliegenden Zeppelin-Teppich auch sehr passend für mein Projekt ist. Ich habe das Bild gekauft und seinen Segen dafür, es wie ich möchte, für „Zeitenlese“ zu verwenden.

Die Wurzeln des Projekts

Das Projekt ist vielschichtig angelegt, manche Aspekte will ich jetzt noch nicht kommunizieren. Im Kern besteht es aus Kurzgeschichten über historische Ereignisse. Inspiriert wurde ich dazu von dem Buch „Unvergessene Sportidole“, das ich für den Verlag an der Ruhr geschrieben habe. Die Geschichten sind als Aktivierungsanlässe für die Arbeit mit Senioren und Menschen mit Demenz gedacht und ich habe sie ganz unterschiedlich konzipiert, aber immer um historisch belegte Sportereignisse. Manche Geschichten spielen in der heutigen Zeit mit Bezug zu früher, andere erzählen Ereignisse aus der Zeit heraus, z. B. die Fußballweltmeisterschaft 1954 oder der Sieg von Ulrike Meyfarth bei den olympischen Spielen 1972. Indirekt war es sogar Ulrike Meyfarth, die mich motiviert hat, in diesem Stil weiterzuschreiben. Ich habe selbst bemerkt, dass mir diese Art liegt, fiktionale Geschichten mit realen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Nachdem das Buch erschienen war, habe ich allen SportlerInnen, die erwähnt wurden und die noch lebten, ein Exemplar geschickt. Ulrike Nasse-Meyfarth war die einzige, die geantwortet hat. Wenn ich ihre Antwort zitieren würde, würde ich den Witz der Geschichte wegnehmen, aber sie schrieb unter anderem „Genau so war es“.

Die Zeitenlese-Geschichten

Das Telefon habe ich übrigens in einer alten Telefonzelle in dem Baltrumer Hotel fotografiert 🙂

Das Buch „Unvergessene Sportidole“ ist in der Reihe 5-Minuten-Vorlesegeschichten erschienen, dadurch war klar, dass die Geschichte kurz werden musste. Außerdem war sie für Menschen gedacht, die sich vielleicht nicht mehr so lange konzentrieren können, sprich, lange Sätze, die ich besonders gerne schreibe, waren tabu 🙂 Für mein Projekt habe ich diese Schranken nicht und ich kann mich endlich wieder einmal vom Stoff leiten lassen. Ich muss nicht auf die Länge achten und ob es Zeitenwechsel gibt, für mich zählt einzig, ist das, was ich schreibe historisch möglich. Das macht die Arbeit übrigens aufwendig. Es war ja schon bei „Brandbücher“ so, dass ich ewig damit beschäftigt war, ob 1933 ein Mercedes noch durch eine Außenkurbel gestartet wurde oder nicht. Das kam in der Endfassung des Manuskripts nicht einmal vor, aber zum Schreiben musste ich das wissen. Beim Schreiben der ersten Geschichten war ich plötzlich nicht sicher, seit wann es Omnibusse gibt oder welche Währung im Kaiserreich galt. Sicher habe ich das schon irgendwann gehört, aber beim Schreiben will ich es genau wissen.

Die ersten Geschichten sind jetzt fertig, zu welchen Themen verrate ich hier nicht – die Geschichten sind teilweise so angelegt, dass das erst beim Lesen erfährt. Deshalb sind die Titel durchaus rätselhaft wie „Oben mit ist besser“ oder „Den Mutigen gehört die Welt“. Es sind übrigens bisher keine Krimis dabei, weil ich keine Krimis mehr schreiben mag, doch das ist ein anderes Thema, jetzt wollte ich nur erklären, was es damit aufsich hat, wenn ich meine Mittwochslesungen in den nächsten Wochen als „Zeitenlese – Werkstatt-Lesung“ ankündige :-).

Fast hätte ich es vergessen, „Zeitenlese“ ist auch das Projekt, mit dem ich mich um das Corona-Künstlerstipendium des Landes NRW beworben habe. Nach so vielen Absagen und Rückschlägen war der Bescheid für mich wie eine Rakete, die mich in den Motivationshimmel geschossen hat. Vielleicht hat der Bescheid auch nur den Knoten im Herzen gelockert, da die Absagen und aufwendigen Aufträge, die trotzdem stattfanden, und das ewige Auf und Ab, ob ich dieses Jahr meine Workshops durchführen kann oder nicht, doch belastend war. Aber jetzt schreibe ich zwischendurch und bin dann so in der Zeit meiner Protagonisten, dass ich Corona vergesse und manchmal nachher denke: Wie gut geht es uns heute! Wir sollten viel öfter mal darauf schauen, was und wie es früher war. Irgendwann dann mit meinen „Zeitenlese“-Geschichten 🙂 © 2020 Dr. Birgit Ebbert www.birgit-ebbert.de